Heute begrüßen wir Aurel Specker von der SIHL GmbH auf unserem Hot Seat. Die Sihl ist seit 2022 Mitglied im Chemie-Cluster Bayern und schafft es regelmäßig unter Deutschlands innovativste Unternehmen. Mit Aurel unterhalten wir uns über das Scouting von Innovationsidee und das Erfolgsrezept für die kontinuierliche Innovationsleistung der SIHL.


Hallo Aurel, vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Interview nimmst. Sihl zählt zu den TOP100 innovativsten Mittelständlern in Deutschland und Innovation ist bei Sihl fest verankert. Wie geht ihr die Suche nach Innovativen Ideen an? 

Wir sehen die Sihl als Möglichmacherin und stossen dabei in neue Märkte vor. Dafür haben wir unsere Innovation auf 3 Säulen aufgebaut:

  1. Scouting – "Die Suche nach Bedürfnissen",
  2. Produktentwicklung – "Das Designen von Lösungen passend zu den Bedürfnissen"
  3. Business Development – "Die Verknüpfung von Lösung und Bedürfnis"

Ich suche also nicht nach einer Innovation. Sondern nach einem Bedürfnis, einer Lücke vom IST- zum WUNSCH-Zustand.
Unser Antrieb ist es, mit gutem Produktdesign, Dinge nachhaltiger und einfacher zu machen.

Gibt es bestimmte Bereiche, wo du konkret "scoutest"? 

Meine spezifische Aufgabe ist nicht mehr nur im angestammten Markt, "Bedruckbare Medien", zu suchen. Sondern proaktiv in neuen Anwendungen zu scouten. Grundsätzlich ist alles interessant, wo flache oder bahnförmige Materialien mit bestimmten Funktionen in Anwendungen kommen.

Zum Beispiel haben wir zur Zeit Projekte in der Bauindustrie, Landwirtschaft, aber auch in der Abwasserbehandlung. Wie du siehst, die Anwendungsfelder sind extrem divers, aber bei allen geht es um Flache Materialien, welche eine bestimmte Funktion erfüllen.

Wie genau machst du das? Wie und wo sucht ihr nach solchen Bedürfnissen?

Ich habe gemerkt, dass ein einstündiges Gespräch mit einem Experten mehr bringt als hundert Stunden menschenleere Recherche. 

Das heisst, ich will so schnell wie möglich in den direkten Austausch mit Anwendern, Lieferanten, Verkäufern usw. Personen welche direkt mit der Materie zu tun haben.  

Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:  

  1. Als "light" Variante, sprechen wir über die Anwendung. Und ich frage viele, sehr viele Fragen. Als Outsider, stelle ich vieles in Frage und bringe neue Perspektiven ein. Das hat auch schon direkt zu Ideen und Projekten geführt. Aber es hat noch immer inspiriert. 
  1. Wir führen aber auch richtige Innovations-Workshops durch.  
    "Bezahlt" wird der Workshop, dann mit guten Ideen. Und einer allfälligen Kollaboration. 

Hört sich das interessant an? – Das Chemiecluster Bayern, weiss wo ich zu finden bin. 

Vielen Dank für die wertvollen Einblicke, Aurel!


Aurel Specker, seit 2018 bei SIHL und seit Februar 2021 als Leiter des Bereichs Technology Management & Scouting tätig, ist maßgeblich für die Innovationsdynamik innerhalb des Unternehmens verantwortlich. Dabei beschäftigt er sich mit dem Scouting nach neuen Technologien, dem Aufbau von Innovationsnetzwerken und der proaktiven Entwicklung neuer Ideen.
Mit einem Master in Chemistry und Business Studies von der Universität Zürich bringt er eine einzigartige Kombination aus wissenschaftlichem und geschäftlichem Verständnis mit.
Aurel betrachtet Motzer und Nörgler als Startpunkt für seine Arbeit, die er mit der Suche nach Gold vergleicht – stets auf der Jagd nach der nächsten großen Entdeckung.Teilnehmer:Innen unseres Kooperationsevent "Klein Mit Groß" konnten bereits praktische Einblicke in den Innovationsprozess von Aurel und SIHL erhalten.



Sehr geehrte Frau Dr. Auer, im November 2020 wurde die Bioökonomiestrategie Zukunft.Bioökonomie.Bayern veröffentlicht, die 50 Maßnahmen zur Etablierung einer nachhaltigen und biobasierten Lebens- und Wirtschaftsweise im Freistaat umfasst.
Als Sprecherin des Sachverständigenrats Bioökonomie Bayern (SVB) haben Sie nun am 11. Dezember 2023 den Fortschrittsbericht zur Umsetzung der Bayerischen Bioökonomiestrategie an den Bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger übergeben, in dem die Fortschritte der letzten 3 Jahre hinsichtlich dieser 50 Maßnahmen dokumentiert wurden.

Wie würden Sie die Ergebnisse des Fortschrittberichts zusammenfassen?

Der im Dezember letzten Jahres übergebene Fortschrittsbericht zeigt den aktuellen Status zur Entwicklung der Bioökonomie in Bayern. Die Evaluierung umfasste die Prüfung jeder der 50 Maßnahmen unserer Strategie. Im Austausch mit der Interministeriellen Arbeitsgruppe Nachwachsende Rohstoffe und Bioökonomie haben wir den Umsetzungsstand jeder Maßnahme erfasst.

Doch die Bioökonomie ist mehr als nur Politik; sie lebt vom Engagement und der Leidenschaft. Der Leidenschaft der Menschen in Bayern und darüber hinaus, die aktiv an der Umsetzung der Bioökonomie beteiligt sind. Auch mit zahlreichen bayerischen Akteuren der Bioökonomie in Bayern haben wir uns ausgetauscht, um diesen Bericht zu erarbeiten.

Zur Bewertung der Strategiemaßnahmen haben wir uns für ein vierstufiges Bewertungsmodell entschieden: Momentan sind von den 50 Strategiemaßnahmen 24 umgesetzte Maßnahmen, 9 laufende Maßnahmen und 17 Zukunftsfeld Maßnahmen. Keine der Maßnahmen ist ohne Aktivität geblieben.

Das sind sehr erfreuliche Nachrichten! Welche Meilensteine der vergangenen 3 Jahre stechen für Sie dabei besonders hervor?

In den letzten Jahren hat Bayern zahlreiche Fortschritte im Bereich der Bioökonomie erzielt. Die Bayerische Bioökonomiestrategie mit ihren 50 Einzelmaßnahmen ist und bleibt ein ehrgeiziger Aktionsplan. Sie spiegelt eine wachsende und lebendige Bioökonomielandschaft im Freistaat Bayern wider.

Es wurden aussichtsreiche bioökonomische Forschungsprojekte an Universitäten und Hochschulen durch den Freistaat Bayern gefördert – z.B. zum Thema holzbasierte Bioökonomie, zu biobasierten Kunstoffen oder zur Ernährung der Zukunft – aber auch sehr praxisnahe Projekte wie der Bio-Beutel oder die nachhaltige Insektenproduktion für Futtermittel. Eines meiner Highlights ist das NAWAREUM, in dem wir den Bericht im Dezember auch übergeben durften. Hier wird die Bioökonomie richtig greifbar.

Gerade in der überregionalen Vernetzung hat sich auch einiges getan. Die Bundesländer und Bioökonomie-Institutionen arbeiten immer mehr zusammen und bringen so die Bioökonomie gemeinsam vorwärts. Das freut uns beim SVB enorm und wir hoffen auch weiterhin auf eine intensive Zusammenarbeit.

Trotz dieser positiven Entwicklung besteht die Herausforderung, die genaue Bewertung bzw. die Abschätzung des Entwicklungsstands der Maßnahmenumsetzung einer einheitlichen Bewertungssystematik durchzuführen. Ohne Monitoring fällt es uns schwer, die Entwicklungen der Bioökonomie auch in Kennzahlen zu benennen.

Welche Hemmnisse oder Herausforderungen wurden durch die Erfahrungen der vergangenen 3 Jahre besonders deutlich? Wo gibt es noch großes Verbesserungspotenzial?

Eine der größten Aufgaben, die vor uns liegt, ist die Bioökonomie aus der Nische in die breite Anwendung zu bringen. Dies gelingt unserer Ansicht nach, indem politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen angepasst werden und gezielte Maßnahmen zur Förderung von Innovationen und Technologietransfer ergriffen werden.

Denn Bioökonomie, das ist nicht nur ein Schlagwort, sondern ein ganzheitlicher Ansatz, der auf biologischen Ressourcen basiert. Die Zukunft der Bioökonomie gelingt nur, wenn wir die lineare Wertschöpfung verlassen. Und stattdessen einen nachhaltigen Kreislauf zusammen mit der Bioökonomie schaffen – eine Wirtschaftsweise, die im Einklang mit den planetaren Grenzen liegt.

Zentrale Akteure der Bioökonomie sind die Land- und Forstwirtschaft. Sie bilden nicht nur die Basis, sondern liefern die Rohstoffe und spielen somit eine entscheidende Rolle in der notwendigen Transformation. Die Land- und Forstwirt*innen stehen unter immensem Druck, mitunter bedingt durch globale Herausforderungen wie die Bevölkerungsentwicklung und die Klimakrise. Die Verantwortung für die Bewältigung klimatischer Veränderungen und die nachhaltige Ressourcennutzung liegt in hohem Maße bei der Land- und Forstwirtschaft. Diese Schlüsselakteure verdienen nicht nur Anerkennung, sondern auch aktive Unterstützung. Wir müssen Wege finden, den Land- und Forstwirtinnen von Anfang an Möglichkeiten zur verträglichen Steigerung der Wertschöpfung, zur Anpassung der Wertschöpfung an die klimatischen Veränderungen und zum Erhalt der Ökosysteme zu eröffnen.

Der SVB empfiehlt, die Wertschätzung für die Land- und Forstwirtschaft im gesellschaftlichen Dialog zu stärken und zu forcieren sowie die Leistungen unserer Bayerischen Land- und Forstwirt*innen zu honorieren. Dies erfordert die Schaffung politischer Rahmenbedingungen, die eine sozialverträgliche und dennoch zeitnahe Transformation ermöglichen.

Die Bioökonomie ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. In unserem gesellschaftlichen Dialog liegt eine bedeutende Aufgabe. Die bereits gestartete Informationskampagne des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie ist ein sehr wichtiger Baustein, um das Konzept der Bioökonomie in die Gesellschaft zu bringen. Die Kampagne zielt darauf ab, das Verständnis für biobasierte Produkte und Wertschöpfungsketten der Verbraucher und Verbraucherinnen zu erhöhen. Es muss ein Dialog durch alle Teile der Gesellschaft entstehen. Dieser ist dringend erforderlich, um die Akzeptanz für die Bioökonomie zu fördern und so die Transformation zu beschleunigen.

Neben der Einbindung der Gesellschaft gilt es auch die wirtschaftliche Situation der Unternehmen zu verbessern und die Bioökonomie zu skalieren: Das betrifft die Skalierung der Geschäftsmodelle und langfristige Investitionen in Produktionsanlagen.
Um den Fortschritt in der Bioökonomie zu beschleunigen, ist eine verstärkte Kooperation und der Technologietransfer von Innovationen in die industrielle Praxis unerlässlich. Durch die Zusammenarbeit von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Regierungen können Innovationen schneller entwickelt und in großem Maßstab umgesetzt werden. Die BioCampus MultiPilot (BMP) Mehrzweck-Demonstrationsanlage, die im Hafen Straubing-Sand entsteht, ist ein wichtiger Katalysator für solch einen Transfer.

Auch unsere Definition von „Abfall“ und wie wir damit umgehen muss sich dringend ändern. Um eine wirkliche Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen, ist eine flächendeckende getrennte Sammlung verschiedener Abfallfraktionen wichtig. Materialien bzw. Rohstoffe sollten – ob biobasiert oder nicht – solange es geht – wiederverwendet und recycelt werden. Dazu muss die Erfassung und Aufbereitung dieser Ressourcen vorangetrieben und bereits am Anfang der Wertschöpfung das Design von Produkten an eine Kreislaufführung angepasst werden.

Das ganzheitlich-systemische Konzept der Bioökonomie fordert auch in vielen weiteren Bereichen Veränderungen: Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Entwicklung einer Wasserstoffinfrastruktur sind z.B. ebenfalls Treiber für den Erfolg der Bioökonomie. Darüber hinaus ist es wichtig, die Unterstützung der Ernährungswende, die Digitalisierung und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz zugunsten der Bioökonomie voranzutreiben. Die Bioökonomie hält hier verschiedene Potenziale und Chancen bereit. Fortschritte in den genannten sektorübergreifenden Bereichen werden dazu beitragen, nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu etablieren.

Daran wird auch der Sachverständigenrat weiterhin arbeiten. In diesem Jahr starten wir in die 4. Amtsperiode und können mit Expertisen in unterschiedlichsten Bereichen auch in den nächsten 3 Jahren die Bayerische Staatsregierung bei der Weiterentwicklung der Bioökonomie unterstützen.

Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Bioökonomie-Akteuer*innen Bayerns und darüber hinaus.


Dr. Veronika Auer gehört seit 2020 dem Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern an und ist seit September 2022 dessen Sprecherin. Die Diplomwirtschaftsingenieurin mit einem Master in Holztechnik und Alumna des Stipendienprogramms der Bayerischen Elite-Akademie hat sich bereits in Ihrer Doktorarbeit an der Universität für Bodenkultur Wien mit der Umsetzung einer holzbasierten Bioökonomie auseinandergesetzt.
Seit Februar 2024 ist Dr. Auer bei der FRITZ EGGER GmbH & Co. OG Holzwerkstoffe im Bereich Product Sustainability Communication tätig. Von 2015 bis Anfang 2024 lehrte und forschte Dr. Auer an der Technischen Hochschule Rosenheim zum Thema zirkulärer Bioökonomie und Holzwirtschaft und hat davor mehrere Jahre als Projektmanagerin am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) gearbeitet.

© Copyright StMWi/A.Heddergott

© Copyright StMWi/A.Heddergott