Hot Seat: Michel Konder | autarkize GmbH

Datum: 29 Juni, 2026

Im Interview erklärt uns Michel Konder, der Co-Founder von autarkize, warum die Herstellung und Verwendung von Pflanzenkohle sinnvoll ist und was die Pyrolyse-Prozesse der Firma außergewöhnlich macht.

autarkize GmbH setzt auf Pyrolyse, um aus Biomasse wie Gärresten oder Altholz klimapositives Gas und Pflanzenkohle zu erzeugen. Könnt ihr kurz erklären, wie euer Prozess funktioniert und warum er wirtschaftlich und ökologisch sinnvoller ist als herkömmliche Methoden der Biomasse-Verwertung?

Unsere Pyrolyse-Technologie ist technisch und wirtschaftlich eine Revolution. Wir können aus einer großen Bandbreite von Biomassen und biogenen Reststoffen in höchster Qualität ein Synthesegas und Pflanzenkohle erzeugen. Das Synthesegas haben wir soweit getunt, dass es einen Heizwert und Verbrennungseigenschaften ähnlich wie Biogas hat. Gleichzeitig sind unsere Systeme leistungsstark, aber dank Containerbauweise extrem kompakt und flexibel einsetzbar. Wir sind kompatibel mit vielen etablierten Kessel-, BHKW-, Turbinen- und Ofensystemen. Energieintensive Industriebetriebe, Kommunen oder auch Recyclingbetriebe können uns damit mit nur geringen Aufwänden in ihre bestehende Gas-, Dampf-, Wärme- oder Strominfrastruktur integrieren und dabei meist sogar ihre eigenen Reststoffe für die Energieerzeugung nutzen.

Parallel entsteht in unserem Prozess Pflanzenkohle oder Biochar – ein hochreiner, strukturreicher Kohlenstoff, der je nach Feedstock und Verfahrensparametern wiederum extrem viele Einsatzzwecke findet: von Bodenverbesserer oder Futtermittelzusatz in der Landwirtschaft über Struktur- und Wärmeleitmaterial in Baustoffen bis hin zum organischen Aktivkohlefilter. Der Clou dabei: Biochar ist nicht nur ein spannendes Produkt, sondern auch eine echte CO₂-Senke. Im Prozess wird der in der Biomasse gebundene Kohlenstoff so gehärtet, dass er stabil ist und nicht mehr durch z.B. Verrottung zu CO₂ oxidiert. Das funktioniert wissenschaftlich fundiert und wird in den CO₂-Märkten als echte negative Emission gehandelt.

In der Summe rechnet sich das: Ich nehme kohlenstoffreiche Reststoffe, verwandele sie in Gas und Pflanzenkohle. Aus einem Problem mache ich damit Energie und das Produkt Pflanzenkohle und werde als Zusatznutzen sogar klimapositiv. Da wir uns in bestehende Energiesysteme integrieren, bleibt der CAPEX überschaubar und die Amortisationszeit kurz. Bis Ende 2026 gehen deshalb noch weitere 10 Anlagen mit zusammen fast 6 MW in Betrieb.

Eure Anlagen können dabei helfen wichtige Klimaziele zu erreichen. Wie skaliert ihr diese Technologie konkret, um CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen und welche Rolle spielen dabei CO₂-Zertifikate für die Wirtschaftlichkeit?

Skalierung heißt bei uns nicht, eine immer größere Anlage zu bauen, sondern viele gleiche an vielen Orten. Wir sind eine dezentrale Lösung. Unsere Anlagen sind modular und containerbasiert, also überall einsetzbar, wo genug biogene Reststoffe und Energiebedarf zusammenkommen: in der Lebensmittelindustrie, der Land- und Forstwirtschaft, der chemischen und metallurgischen Prozessindustrie, aber auch in der dezentralen Nah- und Fernwärme. Unsere Systeme sind im technischen Aufbau immer gleich – den Unterschied machen die ausgefuchste Verfahrenstechnik, Daten & Algorithmen. Ganz entscheidend dabei: Software. Wir können uns mit derselben Anlagen-Hardware im laufenden Betrieb an unterschiedlichsten Feedstock anpassen und dabei trotzdem Gas und Pflanzenkohle in höchster Qualität liefern. Als Betreiber einer autarkize-Anlage bin ich also super flexibel, habe aber immer Qualitätsprodukte wie die Pflanzenkohle. Und da am Ende die CO₂-Zertifikate auf die Güte der Pflanzenkohle angerechnet werden, habe ich neben einigen tausend Tonnen entzogenem CO₂ und kostengünstigem Gas auch eine konstante Einnahme über den Zertifikatehandel.

Pflanzenkohle kann in Böden, im Bauwesen oder als CO₂-Speicher genutzt werden. Welche konkreten Anwendungsfälle (z. B. in der Landwirtschaft oder Industrie) seht ihr als die vielversprechendsten? Wie überzeugt ihr Skeptiker, dass Pflanzenkohle tatsächlich langfristig CO₂ bindet und nicht nur kurzfristig als „Greenwashing“ dient?

Am weitesten ist die Landwirtschaft. Dort wirkt Pflanzenkohle als Bodenverbesserer, sie speichert Wasser und Nährstoffe, macht Böden widerstandsfähiger gegen Trockenheit und senkt zugleich den Düngereinsatz. Spannend ist aber auch das Bauwesen. In Beton oder Asphalt eingebunden hält die Kohle den Kohlenstoff praktisch unbegrenzt fest und hilft nebenbei, Städte im Sommer kühler zu halten. Mit Partnern arbeiten wir außerdem an Anwendungen wie Platten zur natürlichen Klimaregulierung in Gebäuden.

Den Greenwashing-Vorwurf nehmen wir ernst, weil er berechtigt ist, solange niemand nachweist, was wirklich passiert. Genau deshalb messen und zertifizieren wir. Unsere Pflanzenkohle ist nach dem European Biochar Certificate und dem Global Biochar C-Sink zertifiziert. Über digitale Nachweissysteme verfolgen wir den Weg der Kohle von der Produktion bis zur Anwendung. Ein Skeptiker muss uns also nicht glauben, er kann es prüfen. Der entscheidende Punkt: Anders als bei vielen technischen CO₂-Entnahmeverfahren ist die Speicherung in Pflanzenkohle nicht auf Jahre, sondern auf Jahrhunderte angelegt. Der Kohlenstoff ist chemisch stabil und kehrt nicht so schnell in die Atmosphäre zurück.

Gibt es noch etwas, was Sie unseren LeserInnen mit auf den Weg geben wollen?

Pyrolyse hatte lange einen schwierigen Ruf, weil sie selten wirtschaftlich funktioniert hat. Wir haben uns bewusst für diese Technologie entschieden, weil sie, wenn sie läuft, mehrere Probleme auf einmal löst: Reststoffe, Energie und CO₂. Wer Reststoffe hat und Energie braucht, sollte mit uns sprechen, bevor er in die nächste konventionelle Lösung investiert. Viele Industriebetriebe sitzen genau auf solchen Stoffströmen, ohne sie heute zu nutzen.

Über Michel Konder