
Innovation, Nachhaltigkeit und die Kraft natürlicher Rohstoffe: Seit unserem letzten Gespräch vor über fünf Jahren hat Lignopure nicht nur Meilensteine erreicht, sondern auch gezeigt, wie Lignin als Schlüsselrohstoff die Bioökonomie revolutionieren kann. Im Interview gibt Wienke Reynolds spannende Einblicke in die Entwicklung des Unternehmens, die Potenziale von Lignin und die Vision einer nachhaltigeren Chemie- und Materialindustrie.
Liebe Wienke, zuletzt warst du vor über fünf Jahren bei uns im Hot Seat – umso mehr freuen wir uns, dich wieder begrüßen zu dürfen! Seit unserem letzten Gespräch hat sich bei euch sicher einiges getan. Erzähl uns doch kurz, wo Lignopure heute steht und welche Meilensteine ihr in den letzten Jahren erreichen konntet.
Liebe Anja, vielen Dank für die erneute Einladung zum Interview – in den vergangenen fünf Jahren hat sich wirklich unglaublich viel getan und es ist nach wie vor sehr spannend! Damals waren wir noch in der heißen Phase der Prozess- und Produktoptimierung unserer ersten Produktlinie LignoBase für den Kosmetikbereich. Wir bei Lignopure sind spezialisiert auf die Aufbereitung von Lignin zu multifunktionalen natürlichen Inhaltsstoffen.
Wir haben uns aus der Forschung an der TU Hamburg ausgegründet und mit unserer Seed-Finanzierungsrunde unsere ersten Produkte und die zugehörigen Prozesse aufgebaut.
2023 sind wir mit LignoBase nahezu global auf den Markt gegangen, haben ein Distributionsnetzwerk aufgebaut und erste Kunden bemustert. 2025 sind dann die ersten Endprodukte auf den Markt gekommen, unser größter Meilenstein bisher!
Auch eine weitere Finanzierungsrunde konnten wir erfolgreich schließen. Aktuell arbeiten wir mit Hochdruck an der Markteinführung einer neuen Produktlinie für den Paints & Coatings Bereich, mit welcher wir Ende April live gehen wollen.
Lignin wird in der Bioökonomie oft als Schlüsselrohstoff diskutiert. Welche funktionalen Eigenschaften machen Lignin aus deiner Sicht besonders interessant – und welche Potenziale werden bislang noch unterschätzt?
Lignin ist aus zwei Gründen ein Schlüsselrohstoff: Zunächst ist es nach Cellulose das zweithäufigste Biopolymer der Welt, ein massiver Nebenstrom der Zellstoff- und Bioraffinerieindustrie, aber wohl mit Abstand am wenigsten genutzt! Dies müssen wir ändern.
Zudem hat Lignin sehr interessante Schutzfunktionen, welche es in der Zellwand verholzender Pflanzen übernimmt. Und dies sind Funktionen, für welche in Produkten bisher wenige bis gar keine biobasierten Inhaltsstoffe genutzt werden. Hierzu gehören neben der mechanischen Verstärkung vor allem UV-Schutz und Antioxidans bzw. Radikalfänger. Isolierte Lignine weisen öladsorbierende, teilweise filmbildende Eigenschaften auf. Lignin hat zudem je nach Rohstoff und Aufschlussprozess einen spezifischen braunen Farbton, perfekt um es als biobasiertes Pigment zu nutzen.
Die Übertragung der natürlichen Schutzfunktionen aus der Pflanze in das Produkt mit unserer Technologie gibt uns die Möglichkeit, die Performance neuer Materialien zu verbessern und gleichzeitig den Einsatz umwelt- und gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe zu reduzieren. Hierzu gehören z.B. UV-Filter, erdölbasierte Stabilisatoren, Filmbildner und Booster.
Lignopure arbeitet daran, Lignin gezielt in hochwertige Anwendungen zu bringen.
In welchen Einsatzfeldern seht ihr derzeit besonders großes Potenzial – und welche Beispiele zeigen bereits heute, was mit Lignin möglich ist?
Wenn man einen Blick z.B. in aktuelle Forschungsprojekte zum Thema Lignin wirft, findet man dort nahezu alles, was man sich vorstellen kann: Von Bitumen über Gummi zu Thermoplasten und Duromeren oder Farben und Lacken, über Batterietechnologie und Carbon Capture bis hin zu Food, Animal Feed, oder sogar Pharmaanwendungen – und eben Kosmetik!
Da braucht es Fokus. Wir sehen unsere Stärke bei Lignopure vor allem in unserer Pionierarbeit im Life Science Bereich und höherwertigen Materialanwendungen, wo es neben der Natürlichkeit vor allem auf Performance ankommt. Der Kosmetikmarkt war für uns als Startpunkt in vielerlei Hinsicht perfekt. Mit seinen natürlichen Funktionen lässt sich Lignin sehr gut in natürlicher Sonnenschutz- und Hautpflege, aber auch dekorativen Produkten einsetzen.
Gleichzeitig ist der regulatorische Aufwand geringer als in den anderen Life Science Bereichen, die anfänglichen Abnahmemengen moderat und der Markt nimmt Innovationen verhältnismäßig schnell an. Wobei sich Europa hier an anderen Ländern gut eine Scheibe abschneiden kann: Das erste Produkt mit LignoBase ist in Südkorea auf den Markt gekommen, einem der Vorreiter, wenn es um hochwertige, innovative Produktkonzepte geht. Aber auch in Europa werden zeitnah Produkte folgen!
Du hast deine Lignin-Expertise auch in das Projekt BAMBI – Marktpotenzial holzbasierte Bioökonomie eingebracht. Wie genau sah dein Beitrag aus? Und wie schätzt du das Marktpotenzial von Lignin ein?
Ja, das war wirklich ein sehr wertvoller und produktiver Tag! Ich hatte die Möglichkeit, Lignopures Perspektive und Expertise in zwei Fokusgruppen einzubringen und mich intensiv mit anderen Experten und Stakeholdern auszutauschen. Insgesamt sind wir sehr überein gekommen, dass es mehr gezielte Förderung für die Entwicklungs- und CAPEX-intensive aber absolut essentielle Skalierung von Lignin-Technologien geben muss. Aber auch, dass nur strikte Regulierungen und Quoten für nachhaltige Rohstoffe die Industrie wirklich bewegen werden, biobasierte Inhaltsstoffe in großem Maßstab einzusetzen.
Wenn wir nach vorne blicken: Welche Rolle kann Lignin deiner Meinung nach künftig in einer nachhaltigeren Chemie- und Materialindustrie spielen – und woran arbeitet ihr bei Lignopure aktuell besonders intensiv?
Meiner Meinung nach muss und wird Lignin eine der großen Säulen unserer zukünftigen Bioökonomie sein. Weltweit wird intensiv an der Wertschöpfung biogener Nebenströme und neuen Bioraffineriekonzepten gearbeitet. Hochwertiges Lignin wird in zunehmendem Maße verfügbar und muss auch genutzt werden.
Zudem steigen die Grenzwerte und regulatorischen Anforderungen an viele persistente, bioakkumulative oder toxische Inhaltsstoffe signifikant an, echte Alternativen sind bisher spärlich gesät. Hierzu zählen neben PFAS und Mikroplastik unter anderem UV-Filter.
Wir arbeiten intensiv and der Erschließung weiterer Märkte, welche dies stark betrifft und in welchen die Funktionalitäten des Lignins besonders viel Potential haben. Der nächste logische Schritt für uns ist daher, Lignin mit seiner Farbe, UV-Schutz und antioxidativen Aktivität als funktionales Pigment im Bereich der Farben, Lacke und Beschichtungen zu etablieren.
Muster und weitere Informationen zu unserer neuen Produktlinie Arbex für den Paints & Coatings Bereich werden Ende April offiziell verfügbar sein, dies wird ein spannender neuer Markt für uns! Diverse Lignine für weitere technische Anwendungen z.B. im Polymerbereich können ebenfalls ganz einfach über uns bezogen werden.
Über Wienke Reynolds
Wienke Reynolds ist Mitgründerin und CTO der LignoPure GmbH. Sie studierte Bioverfahrenstechnik and der TU Hamburg und promovierte dort am Institut für Thermische Verfahrenstechnik im Bereich Bioraffinerie-Prozessentwicklung.