
Seit 30 Jahren begleitet Bayern Kapital innovative Unternehmen beim Wachstum und zählt heute zu den finanzstärksten staatlichen VC-Investoren Deutschlands. Im Gespräch blicken wir auf die Entwicklung des bayerischen Start-up-Ökosystems, die Herausforderungen kapitalintensiver Deeptech-Modelle und die technologischen Trends, die das Investitionsumfeld künftig prägen werden.
Bayern Kapital feierte im letzten Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Wenn Sie zurückblicken –
welche Entwicklungen im bayerischen Start-up-Ökosystem haben Sie in dieser Zeit am meisten
geprägt, und was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich?
Im vergangenen Jahr konnten wir das 30-jährige Bestehen von Bayern Kapital feiern, und für
mich persönlich fiel das nahezu zusammen mit meinem eigenen Jubiläum: Seit 25 Jahren bin ich
Teil von Bayern Kapital und habe die Entwicklung des bayerischen Start-up-Ökosystems über
viele Phasen hinweg miterlebt.
Als ich begonnen habe, waren Start-up-Investments stark vom Neuen Markt geprägt, der sich
damals noch auf seinem Höhepunkt befand. Kurz darauf folgte jedoch dessen Zusammenbruch,
Börsengänge als Exit-Pfad spielten für lange Zeit kaum noch eine Rolle und M&A-Transaktionen
gewannen deutlich an Bedeutung.
Über die Jahre hinweg hat der Markt mehrere Höhen und Tiefen durchlaufen. Was sich dabei
immer wieder bestätigt hat: Nach schwierigen Phasen folgen neue Wachstumszyklen – und
wirklich gute Unternehmen finden auch in herausfordernden Zeiten Kapital. Diese Erfahrung
prägt bis heute unser Handeln bei Bayern Kapital und bestätigt den Wert eines langfristigen,
nachhaltigen Investmentansatzes.
Bayern Kapital gilt als einer der finanzstärksten staatlichen VC-Investoren in Deutschland – mit
Beteiligungen von bis zu 50 Mio. Euro pro Unternehmen. Welche Rolle spielt dieses
Alleinstellungsmerkmal für die Attraktivität des Standorts Bayern und für technologieorientierte
Start-ups, etwa aus der Chemieindustrie?
Die Möglichkeit, Unternehmen als Ankerinvestor über mehrere Finanzierungsrunden hinweg
langfristig zu begleiten und Beteiligungen von bis zu 50 Millionen Euro einzugehen, ist ein
zentrales Alleinstellungsmerkmal von Bayern Kapital – und in dieser Kombination europaweit
eine Seltenheit. Gerade für technologieorientierte und kapitalintensive Start-ups, etwa aus der
Chemieindustrie oder angrenzenden Deeptech-Bereichen, ist diese phasenübergreifende
Finanzierungsperspektive entscheidend.
Unsere Investitionen sind dabei bewusst an einen relevanten Standort in Bayern geknüpft.
Dadurch schaffen wir einen klaren Anreiz, innovative und wachstumsstarke Unternehmen im
Freistaat anzusiedeln und hier langfristig zu entwickeln. Für Start-ups bedeutet das
Planungssicherheit und Verlässlichkeit über mehrere Finanzierungsrunden hinweg, für den
Standort Bayern stärkt es die Ansiedlung technologisch anspruchsvoller Unternehmen.
So trägt Bayern Kapital dazu bei, Bayern als attraktiven und wettbewerbsfähigen Standort für
internationale Hightech- und Deeptech-Unternehmen weiter zu stärken.
Viele Chemie-Start-ups stehen vor langen Entwicklungszyklen und hohem Kapitalbedarf. Wo
sehen Sie die größten Stolpersteine bei der Finanzierung – und wie kann Bayern Kapital hier
konkret unterstützen?
Die größten Stolpersteine liegen in der Kombination aus hohem Technologierisiko, großer
Kapitalintensität und langen Entwicklungszyklen. Viele Chemie-Start-ups benötigen erhebliche
Investitionen über einen langen Zeitraum, bevor sie Marktreife erreichen. Gleichzeitig ist
Risikokapital für solche Deeptech-Modelle in Europa weiterhin begrenzt. Hinzu kommen
standortspezifische Herausforderungen wie ein schwieriges Marktumfeld in der europäischen
Chemieindustrie, hohe Energiepreise und eine hohe regulatorische Komplexität, die
Finanzierungsentscheidungen zusätzlich erschweren.
Bayern Kapital kann hier auf mehreren Ebenen konkret unterstützen. Als langfristig orientierter
Investor bringen wir die notwendige Geduld mit und sind nicht auf kurzfristige Erfolge fokussiert.
Darüber hinaus verfügen wir über ein belastbares Netzwerk an nationalen und internationalen
Co-Investoren, das wir für Anschlussfinanzierungen aktivieren können.
Ergänzend unterstützen wir Unternehmen über unser Netzwerk im bayerischen
Innovationsökosystem – etwa durch Kontakte zu Initiativen wie dem ChemieCluster Bayern –
auch bei standortbezogenen Fragestellungen. So tragen wir dazu bei, Finanzierung, Skalierung
und Standortentwicklung gemeinsam zu denken und Chemie-Start-ups langfristig in Bayern zu
verankern.
Welche Kriterien sind für Sie ausschlaggebend, wenn Sie entscheiden, ob Sie in ein Start-up
investieren?
Hier sind mehrere Faktoren relevant:
Wagen wir einen Blick nach vorn: Welche technologischen Trends werden aus Ihrer Sicht in den
kommenden Jahren das Investitionsumfeld am stärksten prägen?
In den kommenden Jahren prägen vor allem KI-getriebene Technologien, Dateninfrastruktur und
Automatisierung das Investitionsumfeld, ergänzt durch Cybersecurity,
Nachhaltigkeitstechnologien und neue Hardware-/Cloud-Architekturen. Für Investorinnen und
Investoren bedeutet das: Kapital fließt verstärkt in skalierbare Plattformen, die Daten, KI und
physische Systeme (Roboter, Edge-Geräte) verbinden und oft durch Regulierung (z.B. EU-KIGesetz,
ESG-Regeln) strukturell begünstigt werden. In der Chemiebranche verschieben sich
Investitionen in den nächsten Jahren stark in Richtung Digitalisierung der Produktion,
nachhaltige Rohstoffe/Prozesse und neue (bio‑)chemische Verfahren. Gleichzeitig steigt der
Druck durch Energiepreise, Regulierung und Dekarbonisierung, was Effizienz- und
Automatisierungstechnologien besonders attraktiv macht.
Dr. Nathalie Weitemeyer über sich:
Ich habe an der Universität Tübingen Chemie studiert und im Arbeitskreis von Prof. Ernst Bayer zur
Darstellung und Charakterisierung von Nanopartikeln promoviert. Im Anschluss an meine Promotion
habe ich in bei der Actipac GmbH, einem StartUp, das Drug Delivery Systeme entwickelte, meine
ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt. Parallel beendete ich mein Aufbaustudiengang zur
Diplom-Wirtschaftschemikerin. 2001 wechselte ich aus dem StartUp-Bereich in den
Investmentbereich und kam zur Bayern Kapital GmbH. Hier betreute ich Unternehmen aus den
verschiedensten Branchen und Entwicklungsstadien. In den letzten Jahren habe ich als Investment
Director LifeSciences und Senior Investmentmanagerin einen Schwerpunkt im Bereich LifeSciences,
bin aber weiterhin an Fällen aus anderen Branchen interessiert.