
Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Faser- und Textilindustrie hat Marina mit MCC Innovare ein Unternehmen gegründet, das Innovation ganzheitlich denkt – von der Faserentwicklung bis zur Markteinführung. Im Hot Seat spricht sie über aktuelle Projekte, die großen Herausforderungen der Branche und ihre Vision für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Zukunft.
Liebe Marina, wie schön, dich bei uns auf dem Hot Seat begrüßen zu dürfen. Stell uns bitte kurz MCC Innovare vor – was steckt hinter deinem Unternehmen und deinem Portfolio?
MCC Innovare ist die logische Fortsetzung meiner beruflichen Laufbahn. Nach über 20 Jahren bei Lenzing und Kelheim Fibres wollte ich ein Umfeld schaffen, in dem ich Unternehmen flexibler und strategischer begleiten kann.
Mein Ansatz ist: Innovation umsetzbar machen. Ich unterstütze Organisationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Faserentwicklung über Nonwovens bis hin zu Anwendungen in Bekleidung, Hygiene oder technischen Bereichen. Dabei verbinde ich wissenschaftliche Erkenntnisse mit Marktpotenzial und übersetze regulatorische und gesellschaftliche Anforderungen in konkrete Innovationsstrategien.
Kern meiner Arbeit ist das tiefe Verständnis der Faser und ihrer Verarbeitungsschritte. Denn nur wenn wir wissen, wie eine Faser funktioniert, können wir sie so gestalten, dass sie in der Anwendung – ob weich auf der Haut, saugfähig im Hygieneprodukt oder leistungsfähig im technischen Verbundstoff – den Unterschied macht. Dieses Wissen wird seltener, aber es ist entscheidend, um Innovation nachhaltig erfolgreich zu machen.
Woran arbeitest du aktuell besonders intensiv?
Aktuell begleite ich Unternehmen dabei, biobasierte Materialien und Kreislaufkonzepte in marktfähige Produkte zu übersetzen. Dazu gehört die technische Entwicklung – etwa die Optimierung holzbasierter Fasern – genauso wie die strategische Vorbereitung auf kommende EU-Regularien.
Ein Schwerpunkt liegt auch auf der systemischen Betrachtung: Ich starte immer bei den Bedürfnissen der Endanwendung und „arbeite rückwärts“ bis zur Faser. So lassen sich genau die Eigenschaften definieren, die ein Produkt braucht – sei es in Bekleidung, Hygiene oder technischen Applikationen.
Du bist Teil des Projekts BAMBI – welche Rolle übernimmst du dort?
Im BAMBI-Projekt arbeite ich in einem großen Netzwerk von Expert:innen aus ganz unterschiedlichen Branchen – von Chemie über Holztechnik bis hin zu Endanwendungen. Meine Rolle darin ist die einer Faser- und Textilexpertin, die die Sprache der Textilindustrie spricht und dieses Know-how in das interdisziplinäre Umfeld einbringt.
Konkret bedeutet das: Ich bringe mein tiefes Wissen über holzbasierte Fasern, ihre Eigenschaften und die gesamte Wertschöpfungskette ein – von der Faserentwicklung über die Verarbeitung bis zur Anwendung. Damit schlage ich die Brücke zwischen den innovativen Ansätzen, die wir in dem BAMBI betrachten und den Anforderungen der Textil- und Vliesstoffindustrie.
Was sind aus deiner Sicht die größten Herausforderungen der Textil- und Faserbranche?
Die Branche steht an einem Wendepunkt:
Was braucht es, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Wir brauchen einen systemischen Ansatz: Innovation darf nicht in Silos stattfinden. Es braucht Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Faserchemie bis Endanwendung – und über Branchengrenzen hinweg, etwa zu Gesundheit, Mobilität oder Verpackung.
Ebenso wichtig: technische Tiefe mit regulatorischem Weitblick zu kombinieren. Wer schon heute versteht, wie neue Materialien in die Rahmenbedingungen von morgen passen, hat einen klaren Vorteil.
Und – ganz zentral – es braucht Investitionen: in Forschung, Entwicklung und in die Skalierung nachhaltiger Lösungen. Ohne gezielte finanzielle Mittel riskieren wir, den Anschluss im globalen Wettbewerb zu verlieren.
Nicht zuletzt müssen wir das Wissen jener „aussterbenden Spezies“ sichern, die beides vereint: die Grundlagen der Faserentwicklung und die Fähigkeit, daraus marktfähige Produkte zu schaffen.
Für welche Fragestellungen können sich Unternehmen oder Partner:innen besonders gut an dich wenden?
Welche Entwicklungen möchtest du in den nächsten Jahren selbst aktiv mitgestalten?
Meine Vision ist geprägt vom Leitmotiv „Innovation with Purpose – Collaboration for Impact“.
Ich möchte aktiv dazu beitragen, dass Europa nicht nur bei Nachhaltigkeit Verantwortung übernimmt, sondern auch bei strategischer Agilität, Geschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit führend bleibt.
Dazu gehört:
Zum Abschluss: Gibt es etwas, das du unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben möchtest?
Innovation ist keine Option – sie ist die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit. Aber sie muss sinnstiftend sein: Sie soll echte gesellschaftliche und ökologische Bedürfnisse adressieren und gleichzeitig wirtschaftlichen Wert schaffen.
Mein Rat: Mutig sein, Kooperationen suchen und Innovation systemisch denken. Wer Faser, Prozess, Markt und Regulierung zusammenbringt, wird die Zukunft aktiv gestalten – statt nur zu reagieren.
Marina verfügt über fast 25 Jahre Erfahrung in der Faser- und Anwendungsentwicklung sowie im Business Development. Kundenspezifische und marktorientierte Lösungen, unternehmensübergreifende Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette sowie die kontinuierliche Beobachtung langfristiger Branchentrends – insbesondere in den Bereichen Textilien und Vliesstoffe – prägen ihren Karriereweg und sind wesentliche Merkmale ihrer Arbeit. Sie ist in europäischen Textil- und Vliesstofforganisationen aktiv und verfügt über ein weitreichendes Netzwerk in der Faser-, Textil- und Vliesstoffindustrie. Ihre Rolle als Präsidentin des Joint Research Centre und der Textile ETP (European Technology Platform) in Brüssel, Belgien, verschaffte ihr wertvolle Erfahrung in der Förderung gemeinsamer Forschungsinitiativen und in der Weiterentwicklung technologischer Innovationen im Textilsektor. Ihre frühere Tätigkeit als Vorstandsmitglied von CIRFS (European Man-Made Fibre Association) ermöglichte es ihr – auch heute noch durch ihr großes Netzwerk – die Industriepolitik mitzugestalten und die Interessen der europäischen Textilhersteller in größerem Maßstab zu vertreten. Darüber hinaus verschafften ihr die Rollen als Board Member Observer bei EURATEX (The European Apparel and Textile Confederation) in Brüssel, Belgien, sowie als Vorstandsmitglied des Forschungskuratoriums Textil (FKT) in Berlin, Deutschland, wertvolle Einblicke und aktive Mitgestaltung internationaler Branchendynamiken, Textilstrategien und regulatorischer Rahmenbedingungen.