Hot Seat: Dr. Susanne Bley

Zuletzt aktualisiert am: 3 Mai 2021

Hallo Frau Dr. Bley, womit befasst sich das Projekt “TUM Entdeckerinnen” und welche Ziele verfolgen Sie damit?

„TUM Entdeckerinnen“ ist ein Programm der Technischen Universität München (TUM) zur Nachwuchsförderung in den MINT-Fächern. Es richtet sich ausschließlich an Mädchen und besteht aus zwei Teilen:

  • MINT Erlebnis an der Uni –ein- oder mehrtägige Workshops an verschiedenen Lehrstühlen der TUM in den Ferien für Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren
  • MINT Impulse an der Schule – mobile, eintägige Workshops an Schulen, während der Schulzeit für Mädchen zunächst der 9.-10., später auch der 6.-7. Jahrgangsstufe.

Für beide Projekte bereiten interessierte Lehrstühle bzw. Arbeitsgruppen der TUM ihre aktuellen Forschungsthemen so auf, dass sie mit den Mädchen gemeinsam tüfteln können und ihnen einen einfachen Einstieg in ihr Fachgebiet ermöglichen.

Mit den MINT Impulsen wollen wir…

  • Mädchen darin unterstützen, ein positives Selbstbild in Bezug auf den MINT-Bereich zu entwickeln
  • Mädchen einen einfachen Einstieg in MINT Themen ermöglichen
  • Interesse an MINT-Themen wecken
  • Raum schaffen, in dem die Mädchen ihre Fähigkeiten entdecken und dadurch ihr Selbstverstrauen stärken können
  • Stereotype aufbrechen, z.B. von Berufsbildern
  • die Mädchen bei der Berufs- und Studienwahl unterstützen

Welche Entwicklungen beobachten Sie bezüglich der Anzahl an MINT-Studentinnen und worauf glauben Sie, beruht diese?

In den letzten 5 Jahren stieg der Gesamtanteil an weiblichen Studierenden an der TUM langsam aber kontinuierlich von 34% auf aktuell 36%. Die Geschlechterverteilung variiert dabei stark zwischen den Studiengängen. Schauen wir uns einmal das Wintersemester 20/21 an:  Während in Bachelorprogrammen zu Naturwissenschaften mit Lebensbezug wie z.B. Biochemie (61%) mehr Frauen als Männer studieren – in Ernährungswissenschaften sind es sogar 90% Frauen –  so sind in den Studiengängen zu Maschinenwesen oder Elektro- und Informationstechnik weniger als 18% der Studierenden weiblich. Im Master zeigt sich ein ähnlicher Trend. Während z.B. das Masterprogramm Lebensmittelchemie hauptsächlich von Frauen belegt wird (81 %) und Programme wie z.B. Medizintechnik oder Biomedical Computing ca. 40% Frauen hören, so sind diese in einigen Bereichen, wie z.B. Aerospace, Mechatronik und Robotik oder Fahrzeug- und Motorentechnik mit einem Anteil von weniger als 20% deutlich unterrepräsentiert. Im Bereich Chemie sind übrigens 37% der Bachelor- und 39% der Masterstudierenden Frauen. Man kann also “MINT” nicht über einen Kamm scheren, sondern sollte die einzelnen Teilbereiche differenzierter betrachten.

Die Entwicklung des Berufs- und Studienwunsches beginnt bereits in der Jugend. Studien zeigen immer wieder, dass viele Mädchen ab Beginn der Pubertät bis hin ins junge Erwachsenenalter weniger Vertrauen in die eigene Begabung in vielen MINT-Fächern haben und das z.T. auch, wenn ihre Noten nicht schlechter sind als die der Jungen. Viele Mädchen erleben sich leider als weniger talentiert und fähig als die Jungen und sind auch weniger mit sich selbst zufrieden. Faktoren, die das Selbstbewusstsein der Mädchen in diese Richtung beeinflussen, können die Sozialisation zu Hause bzw. in der Schule, bestehende stereotype Berufsbilder oder fehlende Rollenvorbilder sein. Vielen Mädchen fehlt zudem auch schlicht die Möglichkeit, im MINT-Bereich eigene Erfahrungen sammeln zu können. Das Selbstbild aus der Jugend der Mädchen hat wiederum einen entscheidenden Einfluss auf die Wahl des Berufsweges bzw. Studiengangs.

Was können Unternehmen tun, um MINT-Berufe attraktiver für Frauen zu machen?

Junge Frauen bei der Berufsorientierung unterstützen – Transparenz der Berufsbilder.

Bei der Berufs- und Studienwahl spielen neben den eigenen Interessen bei vielen jungen Frauen die Erwartungen anderer, z.B. das Elternhaus oder die Gesellschaft, der Wunsch nach späterer Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das bereits oben genannte häufig nicht den eigenen Leistungen entsprechende Selbstbild eine Rolle. Auch haben sich viele Berufe in den letzten Jahren stark gewandelt und die Zahl und Vielfalt an Studiengängen ist enorm gestiegen. Es bedarf heute mehr denn je einer guten Orientierung für die Mädchen, um sich und ihre Talente zu entdecken und den passenden Berufsweg oder Studiengang zu finden. Hierfür gibt es u.a. Initiativen, die speziell Mädchen bei der Berufs- und Studienorientierung unterstützen und dafür eng mit Unternehmen zusammenarbeiten. Ein Beispiel dafür ist der nationale Pakt für Frauen in MINT Berufen “Komm mach MINT”. Unternehmen können ihre Mitarbeiterinnen dabei unterstützen, sich als Rollenvorbilder in solchen Programmen zu engagieren und mit jungen Frauen in Kontakt zu kommen.

Für die Berufsorientierung von Mädchen können Unternehmen….

  • auf ihrer eigenen Homepage Informationen für berufsinteressierte junge Menschen bereitstellen und z.B. Berufe beschreiben, Anforderungen transparent machen und vor allem Mädchen signalisieren: Ihr könnt das genauso! Ihr seid willkommen!
  • Schulen in ihrer Region ansprechen und dort über Berufsbilder informieren. Auf diese Weise können Berufsstereotype z.B. schon in der Grundschule aufgebrochen werden
  • den Mädchen Praktika anbieten
  • sich in Programmen zur Partnerschaft Schule-Wirtschaft, wie z.B. “Lab2Venture” engagieren, oder auch externer Partner für Mädchen in Jugend-Forscht-Projekten, Mittelstufenprojekten oder Oberstufenseminaren sein
  • am landesweiten Programm “Girls‘ Day” mit eigenen Angeboten teilnehmen oder auch die Kooperation mit Schulen der Region suchen. Eine weitere Möglichkeit wäre ein Tag der offenen Tür für die Mädchen der Mitarbeiter*innen.

Außerschulische Angebote in der Region unterstützen – Engagement für Bildung.

Seit etwa 15 Jahren nehmen die außerschulischen MINT-Angebote für Jugendliche in Deutschland stetig zu und haben eine große Reichweite. Viele Angebote sind mittlerweile in sogenannten “MINT-Regionen” oder “MINT-Clustern” oder z.B. über die Plattform “LernortLabor” vernetzt und dadurch online transparent. Unternehmen können also ganz leicht mit bestehenden außerschulischen Lernorten in ihrer Region in Kontakt treten, um sich zu engagieren. Einige Schülerlabore oder Schülerforschungszentren haben Fördervereine, denen Unternehmen beitreten können. Andere suchen Unternehmen, die sich zu einem Förderverein zusammenschließen und junge Menschen unterstützen wollen. Aus eigener Erfahrung am Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land weiß ich, wie wertvoll und gewinnbringend ein solches Engagement von Unternehmen für die Jugendlichen einer ganzen Region sein kann.

Zur Förderung von Nachwuchs im MINT-Bereich kann ich Unternehmen nur ermutigen.

Weiterführende Links:

TUM Entdeckerinnen, Komm Mach MINT (Für Mädchen), Bundesweiter Aktionstag – Girl’s day, Lab2Venture (Flyer) Partnerschaft Schule-Wirtschaft, Netzwerk der MINT Regionen in Deutschland, Atlas der Schülerlabore in Deutschland, Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land.

Dr. Susanne Bley ist Dipl.-Geoökologin und arbeitet seit 2011 für die Technische Universität München (TUM) an der Schnittstelle Schule-Hochschule. Zunächst leitete sie den Fachbereich Geowissenschaften am Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land, später war sie im Bereich MINT-Lehrkräftefortbildung tätig. Seit 2020 baut sie das mobile MINT-Förderprogramm für Mädchen der TUM neu auf.