Hot Seat: Ilka Kaczmarek

Zuletzt aktualisiert am: 13 Juli 2021

Hallo Frau Kaczmarek, wir freuen uns sehr, die Kelheim Fibres GmbH als neues Mitglied des Chemie-Clusters Bayern begrüßen zu dürfen. Bitte stellen Sie die Firma Kelheim Fibres kurz vor und erklären Sie die Technologie zur Herstellung Ihrer Fasern und das besondere an Ihren Viskosefasern.

Kelheim Fibres GmbH ist der weltweit führende Hersteller von Viskosespezialfasern. Unsere Viskosefasern basieren auf dem erneuerbaren und nachhaltig geforsteten Rohstoff Holz und zeichnen sich am Ende Ihres Produktlebens durch ihre biologische Abbaubarkeit aus. Das Besondere und Einzigartige an unserer Fasertechnologie sind die vielfältigen Funktionalisierungen, die wir anbieten. Durch Querschnittsmodifikationen, intrinsische Funktionalisierungen, also die Einbringung von funktionalen Additiven, und Dimensionsanpassungen, bei denen wir die Länge und den Durchmesser der Fasern variieren, können wir kundenspezifische Lösungen, angepasst an spezifische Anforderungsprofile, darstellen. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und produzieren ausschließlich in Kelheim, Bayern. Unsere Spezialfasern kommen unter anderem in den Bereichen Bekleidung, Hygiene- oder medizinische Produkte sowie in Vliesstoffen und Spezialpapieren zum Einsatz. Zentral für uns ist – neben dem innovativen Charakter unserer Lösungen – der Aspekt der nachhaltigen Fertigung unter Einsatz geschlossener Kreisläufe und mit einem energieeffizienten Anlagenbetrieb, um wertvolle Ressourcen zu schützen. Wir sind auch der erste Viskosefaserhersteller weltweit mit einem EMAS-validierten Umweltmanagementsystem.

Das Thema Nachhaltigkeit wird momentan in der Gesellschaft sehr breit diskutiert. Wie können in diesem Zusammenhang Ihre pflanzenbasierten Fasern zum Wandel zu einer biobasierten Gesellschaft beitragen?

Unsere Fasern bieten wichtige Lösungen, um die Transformation von einer fossil-basierten zu einer bio-basierten Wirtschaft voranzutreiben. Das Problem vieler heute verwendeter Produkte, vor allem auch im Single-Use Bereich ist, dass sie auf synthetischen Faserlösungen wie z.B. Polyester basieren. Damit nutzen sie einen endlichen Rohstoff und verursachen am Ende ihres Lebenszyklus Plastikmüll, der für lange Zeit in der Natur verbleiben kann. Mit unseren innovativen Fasern können wir hier eine umweltfreundliche Alternative in einer Reihe von Endprodukten anbieten. Das Besondere dabei: Durch die zielgerichteten Funktionalisierungen ist es möglich, synthetische Lösungen zu ersetzen und dabei die Performance des Endprodukts zu erhalten oder sogar zu verbessern. Damit lassen sich Produkte entwickeln, die auf einem erneuerbaren Rohstoff basieren und biologisch abbaubar sind ohne bei den Performancewerten Abstriche zu machen. Ein Bereich, in dem wir diese Transformation ermöglichen, sind z.B. absorbierende Hygieneprodukte wie beispielsweise Binden oder Inkontinenzprodukte. Auch im Bereich der textilen Wertschöpfungskette wie etwa bei Bekleidung, können wir durch unsere Fasern dafür sorgen, dass Prozessschritte wie z.B. Färbesschritte effizienter werden oder gar eingespart werden können. Dafür inkorporieren wir Farbpigmente direkt in die Fasermatrix für spinngefärbte Fasern oder nutzen Additive, die es erlauben, die Interaktion zwischen Faser und Farbstoff zu optimieren, um so Ressourcen zu schonen. Wir prüfen stetig, welche Nachhaltigkeitsherausforderungen in den Wertschöpfungsketten bestehen und inwiefern funktionalisierte Viskosefasern hier die richtigen Antworten bieten könnten.

Mit dem Blick in die Zukunft – wo sehen Sie Kelheim Fibres in ein paar Jahren? Was ist die langfristige Vision und welche Herausforderungen müssen auf diesem Weg überwunden werden?

Unsere Vision ist es, die treibende Kraft in der Bereitstellung von Lösungen zu sein, die einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil ermöglichen und dabei die Umwelt schützen und Ressourcen für zukünftige Generationen bewahren. Das treibt uns an, kontinuierlich zu prüfen, in welchen Bereichen unsere Fasern synthetische Lösungen „ebenbürtig“ ersetzen können bzw. welche neuen Lösungen es braucht, um den Wandel in der Industrie nachhaltig voranzutreiben. Dafür prüfen wir natürlich auch, welche technologischen Neuerungen in den Herstellprozessen möglich sind bzw. screenen auch innovative Lösungen für den Einsatz alternativer Rohstoffe. Themen sind hier der Einsatz von Rohstoffen aus zirkulären Ansätzen wie z.B. aus Post-Consumer oder Agrar- oder Lebensmittelabfällen.

Unser Ziel ist es, dass Wertschöpfungsketten ganz neu gedacht werden können, da der Kreislaufgedanke durch die biologische Abbaubarkeit von Produkten noch mehr in den Fokus rückt. Wir sehen zudem, dass die Fertigungstiefe in Deutschland und Europa von vielen Produkten wieder zunimmt. Hier möchten wir durch unsere Herstellung in Deutschland ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten. 

Weiter wollen wir die Zusammenarbeit auch in strategischer Art entlang der Wertschöpfungskette stärken und unsere umfangreiche Kompetenz im Feld der funktionalisierten Fasern bereitstellen, um gemeinsam mit Partnern neue Anwendungsgebiete erschließen zu können.

Entscheidend ist, dass die jeweiligen Anwendungsfelder offen und bereit dafür sind, neue Wege zu gehen, und dass die Rahmenbedingungen dafür entsprechend sichergestellt werden. Am Ende können sich Innovationen nur durchsetzen, wenn sie auch Akzeptanz im Markt finden. Deshalb ist es uns auch wichtig, über die Möglichkeiten, die unsere Viskosefasern bieten, zu berichten – auch im Austausch mit Anwendergruppen und Endkonsumenten. Die zunehmende Sensibilisierung dafür was bereits möglich ist im Bereich bio-basierter Lösungen ist für uns eine wichtige Aufgabe.

Mit welchem Innovationsansatz schaffen Sie die Grundlage für neue Wege um den Wandel zu funktionalen und biologisch abbaubaren Lösungen voranzutreiben?

Im Rahmen unserer neuen New Business Development Struktur, die seit Juli 2020 agiert, stärken wir noch weiter die Interaktion mit den unterschiedlichen Märkten, Anwendungsfeldern und Netzwerken. Unser Ansatz ist es, Probleme oder bisher nicht adressierte Kundenbedürfnisse, sogenannte „unmet needs“, im gemeinsamen Austausch mit Partnern und Kunden, aber auch mit Konsumenten zu identifizieren und die passenden Faserlösungen dafür zu entwickeln. Dabei füllen wir den Open Innovation Ansatz mit Leben. Als Faserhersteller sind wir sehr weit vorne in der Wertschöpfungskette angesiedelt. Gleichzeitig können wir mit unseren Fasern den Grundstein für innovative Endproduktlösungen legen. Eine gemeinsame Entwicklung mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette bietet hier den besten Lösungsansatz, um ein optimales Produkt zu entwickeln und auch die Verarbeitbarkeit in allen Prozessschritten zu gewährleisten. Dieser Ansatz erstreckt sich dabei ebenfalls über existierende Branchengrenzen hinaus. Zentral, um neue Problemstellungen und Herausforderungen zu identifizieren, sind für uns zudem Foresight-Ansätze im Bereich der Trendbetrachtung, um heute schon zu prüfen, welche Lösungen ggf. morgen benötigt werden. Die gegenseitige Inspiration mit kreativen Methoden und gemeinsamen Brainstormings sind für uns sowohl intern als auch im Austausch mit externen Partnern sehr wertvoll.

Ilka Kaczmarek hat sich nach einem dualen Bachelor-Studium in International Business in ihrem Doppelmasterstudium an den Universitäten Augsburg und Rennes auf Strategie- und Innovationsmanagement spezialisiert. Nach mehrjährigen Tätigkeiten als Innovations- und Produktmanager im Bereich Pulvermetallurgie und 3D-Metallpulverdruck ist sie seit Mai 2020 bei Kelheim Fibres als Innovationsmanagerin tätig. Das New-Business-Development-Team, dem sie angehört, stärkt den Innovationsfokus von Kelheim Fibres in Open-Innovation-Ansätzen und fördert den engen Austausch mit Akteuren entlang der Wertschöpfungskette und in Cross-Industry-Konstellationen, um gemeinsame Entwicklungen zu ermöglichen. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Identifikation von Innovationspotenzialen und die Erschließung neuer Anwendungsfelder sowie die Entwicklung strategischer Kooperationen im Bereich der Fasertechnologien und verwandter Märkte. Zudem gehören interne Innovationsprozesse, wie z.B. Ideenmanagementansätze von der Ideengenerierung bis zur Kanalisierung, zu ihren Aufgabengebieten.

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