Hot seat: Dr. Tobias Gärtner

Zuletzt aktualisiert am: 3 November 2020

Herr Dr. Gärtner, als eine Ihrer Unternehmenssäulen bieten Sie Elektrosynthesen als Alternative zu klassischen Syntheserouten an. Was sind die Vorteile Ihrer Methode?

Wir bieten Elektrosynthese für die Herstellung von organischen Fein- und Spezialchemikalien an. Die Technologie Elektrosynthese lässt dabei eine inhärent sichere Reaktionsführung zu, da durch Ein- oder Abschalten der Stromversorgung der Fortgang der Reaktion direkt gesteuert werden kann. Dies steht im Gegensatz zu klassisch thermisch geführten Reaktionen. Darüber hinaus versteht sich die Elektrosynthese als Substitut für teure und toxische Oxidations- oder Reduktionsmittel. Durch den Einsatz von Elektroden anstatt Chemikalien kann nicht nur die zugeführte Energiemenge passgenau an das Substrat angepasst werden und somit der Redoxprozess energieeffizienter gestaltet werden, sondern auch der Chemikalienabfall durch Vermeidung drastisch reduziert werden. Schließlich kann durch die direkte Nutzung von Elektrizität, was sämtliche Elektrolyseprozesse vereint, die Elektrosynthese als „Game Changer“ in der organischen Synthese fungieren, da auch die Feinchemikalienproduktion mit dem Energiesektor gekoppelt werden und somit Dienstleistungen im Rahmen der Energiewende leisten kann.

Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit widmen Sie sich außerdem der Rückgewinnung von elementarem Zink und Kupfer primär aus Verbrennungsrückständen. Wo fallen überall derartige Rückstände an und was sind die Voraussetzungen, die diese Rückstände erfüllen müssen? Wo sehen Sie sich mit Ihrer Technologie im Kontext der Kreislaufwirtschaft?

Bei den Metallen ist die Kreislaufwirtschaft bereits weit fortgeschritten. Da durch Recycling weder Materialeigenschaft noch Preis beeinflusst werden, ist das Bestreben groß, Metalle zu recyceln. Wir setzen beim Recycling da an, wo klassische Methoden der Aufbereitung wegen der Korngröße oder komplexer Zusammensetzung an ihre Grenzen kommen. Da Kupfer und Zink nicht nur als Metalle Verwendung finden, sondern deren Oxide oder Salze auch chemische Anwendungen haben, lassen sich beide Elemente beispielsweise in Verbrennungsaschen und Rauchgasfilterrückständen der Hausmüllverbrennung oder in Rückständen der Feuerverzinkung finden. Wir bieten hier keinen Universalprozess an, da die Reststoffe, bzw. für uns Rohstoffe aus Sekundärquellen, selbst bei der Müllverbrennung von Anlage zu Anlage verschieden sind. Wir stellen uns darauf ein und arbeiten daran, mit der rein elektrolytischen Gewinnung oder einer Kombination aus Biotechnologie und Elektrolyse aus heute noch deponierten Rückständen Kupfer und Zink zu gewinnen und zurückzuführen. Zukünftig sollen auch weitere Elemente hinzukommen. Somit können wir dazu beitragen aus der Kreislaufwirtschaft bei Metallen einen geschlossenen Kreislauf zu machen.

Ihr Unternehmen wächst stetig, was ist Ihre Vision bezogen auf eine weltweite Nachhaltigkeit und wo sehen Sie die Politik und/oder die Gesellschaft in der Pflicht?

Aufgrund meiner Ausbildung sehe ich die angesprochenen Themen pragmatisch und analytisch. Eigentlich müsste die Gesellschaft einen „Klima- oder Nachhaltigkeitslockdown“ durchführen und auf Basis des derzeitigen Wissensstandes ein neues, nachhaltiges Wirtschaftssystem im Einklang mit unserem Ökosystem aufbauen. An dieser Stelle werde ich dann Realist und sehe, dass man nach einem Corona-Lockdown die Vorteile von nachhaltigen Lösungen zu Gunsten von alten und bequemen Gewohnheiten schnell wieder aufgibt und auch aufgeben muss, um einen kompletten Zusammenbruch der Wirtschaft mit all den weltweiten Folgen zu vermeiden. Da die Politik in einer freien und demokratischen Gesellschaft immer einer gewissen Trägheit unterworfen und kein Orakel ist, kann sie nur versuchen Anreize zu setzen und die Wissenschaft sowie innovative Unternehmen bedingungslos unterstützen. Letztendlich kommt es auf die Ideen, den Willen und den Einsatz jedes Einzelnen an, um für die Gesellschaft attraktive und kostengünstige nachhaltige Alternativen zu entwickeln und die Überzeugungsarbeit nicht am Stand in der Fußgängerzone machen zu müssen, sondern am Geldbeutel. Die Einführung einer weltweiten Nachhaltigkeit darf dabei niemanden zurücklassen und muss allen in gleicher Weise zugutekommen.

Dr. Tobias Gärtner studierte Chemie an der Universität Regensburg und wechselte nach seiner Promotion an das Fraunhofer IGB. Am Institutsteil Straubing war er fast zehn Jahre für den Aufbau des Standortes mit verantwortlich und hat im Bereich der Kombination von Biotechnologie, chemischer Katalyse und Elektrochemie zur Konversion von CO2 und Aufbereitung von Verbrennungsrückständen mehrere Projekte auf den Weg gebracht. Als einer der Mitgründer leitet er seit 2018 als CEO die Geschicke der ESy-Labs GmbH.