18. Juni 2020

Hot seat: Prof. Dr. Thomas F. Hofmann

Drei Fragen an eine Person aus unserem Umfeld.

Herr Prof. Dr. Hofmann, radikal neue Innovationen entstehen gerade dort, wo interdisziplinär gedacht wird. An der TU München findet diese Begegnung der Wissenschaften statt, sie ist Geburtsort für eine Vielzahl von Tech-Startups und damit Vorreiter in Deutschland. Warum schaffen es nicht mehr deep technologies aus München zum Scale-up und auf den Markt und wie gehen Sie dieses Problem an?

An keiner anderen Universität in Deutschland starten mehr Gründerinnen und Gründer, mehr als 70 Hightech-Startups werden jedes Jahr an der TUM ausgegründet – mit beeindruckenden Wachstumsgeschichten bis hin zum Unicorn mit Milliardenbewertung. Durch uns und unser Gründungszentrum UnternehmerTUM werden sie optimal auf den Markteintritt vorbereitet. Probleme bereitet am ehesten das fehlende Wachstumskapital, was auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bei einem Besuch im vergangenen Jahr erneut bestätigt hat.

Unser Ziel für die nächsten Jahre ist es, die Zusammenarbeit der Münchner Akteure zu verbessern. Gemeinsam mit der Hochschule München und der LMU wollen wir Europas bestes Ökosystem für Deep-Tech-Bereiche wie Künstliche Intelligenz und Robotik entwickeln. Diese Initiative wird vom Bundesprogramm „EXIST Potentiale“ gefördert.

Welche herausragende Technologie der letzten Jahre hätten Sie gerne selbst entwickelt und welche interdisziplinären Fähigkeiten waren für gerade diese Innovation entscheidend?

Fasziniert bin ich von der Geschichte unserer Ausgründung Celonis, die 2018 mit einer Milliarde US-Dollar bewertet wurde und damit zu den seltenen deutschen „Einhörnern“ zählt. Das Team hat ein sogenanntes Process-Mining entwickelt, mit dem Unternehmen sämtliche digitale Geschäftsprozesse analysieren können. Die Software untersucht die alltäglichen Abläufe, zeigt die Analysen in verständlichen Grafiken und schlägt Verbesserungen vor. Das Erstaunliche: Die Software lässt sich für sämtliche Branchen und Fälle anwenden, egal ob es um die Produktion eines Pharmaherstellers oder die Logistik eines Handelskonzerns geht. Die Gründer haben bei uns Informatik, Mathematik und Finance and Information Management studiert.

Um interdisziplinäre Entwicklungen zu forcieren und den Aktionsradius der TUM an den Schnittstellen der klassischen Disziplinen zu erweitern, etablieren Sie aktuell sieben Schools, die den neuen Markenkern „human-centered engineering“ der TUM mit Leben füllen werden. Was ist damit gemeint und wie gestaltet sich der Umbau?

Wie können Roboter alte Menschen unterstützen? Worüber darf Künstliche Intelligenz entscheiden? Die TUM wird das Verhältnis des Menschen zur Technologie in den Mittelpunkt von Forschung und Lehre stellen und massiv in die Sozialwissenschaften investieren. Das bedeutet auch, dass traditionelle Fächergrenzen obsolet werden. Deshalb starten wir die größte Strukturreform in der Geschichte unserer Universität. Anstelle der 15 Fakultäten – in Deutschland seit Jahrhunderten die kleinteiligen Gliederungseinheiten der Universitäten, beispielsweise für Maschinenbau oder für Physik – treten sieben Schools. Sie heben überkommene Trennlinien innerhalb der großen wissenschaftlichen Felder wie den Ingenieurwissenschaften und den Naturwissenschaften auf. Gleichzeitig schaffen wir Strukturen und Anreize für die Zusammenarbeit der Schools.

Die Verknüpfung von Chemie und Nachhaltigkeit ist für den Chemie-Cluster nicht erst seit der Installation der gemeinsamen Kontaktstelle am TUM Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit ein zentrales Thema. Welche Nachhaltigkeitsfragen sind aus Ihrer Sicht am dringendsten und in welcher School sehen Sie das größte Potential chemische Produktionsverfahren nachhaltiger zu gestalten?

Entscheidend wird sein, nicht einzelne Fragen herauszuheben und gesondert zu betrachten, sondern gesamte Wertschöpfungsketten am Gebot der Nachhaltigkeit auszurichten. So ist auch der TUM Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit konzipiert: von den Rohstoffen über die chemischen Verfahren bis hin zur Bioökonomie. Selbstverständlich werden die neuen Schools mit hohem Integrationsgrad mit dem Campus zusammenarbeiten

Prof. Dr. Thomas F. Hofmann ist seit 2019 Präsident der Technischen Universität München (TUM). Zuvor war er zehn Jahre lang Geschäftsführender Vizepräsident für Forschung und Innovation. 2007 hatte ihn die TUM auf den Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und Molekulare Sensorik berufen.

Kontakt

Chemie-Cluster Bayern GmbH
Schwanthalerstraße 100
80336 München