15. Januar 2020

Hot seat: Prof. Dr. Christian Laforsch

Drei Fragen an eine Person aus unserem Umfeld

Herr Laforsch, Sie sind seit Jahren im Bereich der Mikroplastikforschung aktiv und in einer Vielzahl von Forschungsprojekten und –initiativen vertreten. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen dieses Forschungsfeldes und welche Missverständnisse treten Ihrer Meinung nach im Mikroplastikbereich auf häufigsten auf?

Mittlerweile gilt als gesichert, dass Mikroplastik weltweit in allen Lebensräumen von der Tiefsee bis hin zu den polaren Regionen und von hohen Berggipfeln bis zu Ackerflächen im Tiefland in teilweise erheblichen Mengen vorkommt. Hierbei sind sowohl aquatische als auch terrestrische Habitate betroffen, wobei neueste Schätzungen davon ausgehen, dass sich an Land fast 40mal mehr Makro- und Mikroplastik befindet als in den Ozeanen. Dies unterstreicht, dass die Plastikkontamination der Umwelt nicht nur die Weltmeere betrifft, sondern von globaler Relevanz ist.

Jedoch gilt zu bedenken, dass das Ausmaß der Kontamination der Umwelt bis dato noch nicht vollständig erfasst werden kann. Dies liegt darin begründet, dass Mikroplastik in der Umwelt, anders als lösliche Schadstoffe, zeitlich und räumlich nicht homogen verteilt sind und daher die meisten Studien zur Mikroplastikkontamination der Umwelt Momentaufnahmen darstellen. Zudem werden Verfahren zur Mikroplastikanalyse gerade erst entwickelt, da es alles andere als trivial ist Mikroplastikpartikel die kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares sind aus komplexen Umweltproben zu isolieren und zu analysieren.

Die Thematik Mikroplastik hat in den letzten Jahren vor allem dadurch eine sehr hohe öffentliche Aufmerksamkeit erlangt, da potenzielle biologische Risiken von Plastik in der Umwelt, insbesondere von Mikroplastik, vermutet werden. Jedoch gilt zu bedenken, dass in vielen Effektstudien Kunststoffe verwendet wurden, die höchstwahrscheinlich andere Eigenschaften aufweisen als Partikel, die sich bereits jahrelang in der Umwelt befinden. Dies ist auch eines der großen Herausforderungen in der sogenannten Mikroplastikforschung. Denn Mikroplastik ist nicht gleich Mikroplastik, sondern ein Sammelbegriff für kleine Partikel diverser Kunststoffsorten, die in unterschiedlichen Abbaustufen in der Natur vorkommen und daher mannigfaltige chemische und physikalische Eigenschaften aufweisen, die wiederum für mögliche Effekte verantwortlich sein könnten.

Daher bestehen in dieser sehr komplexen Thematik, trotz der enormen ökonomischen und ökologischen Relevanz, noch erhebliche Wissenslücken, die es zwingend zu schließen gilt.

Im letzten November fiel der Startschuss für das LimnoPlast-Projekt. Das Projekt wird in den kommenden vier Jahren von der Europäischen Union im Rahmen von Horizon 2020 gefördert. Worum geht es bei dem Projekt und wie unterscheidet es sich von den bisherigen Initiativen?

Unser neues EU-Projekt „LimnoPlast“ beschäftigt sich mit der Thematik Mikroplastik in Süßgewässerökosystemen und betrachtet dieses aus einer ganzheitlichen Perspektive. Hierfür arbeiten erstmals die drei unterschiedlichen Disziplinen Umwelt-, Technik- und Sozialwissenschaften zusammen. Als ITN (Innovative Training Network) wird das Projekt fünfzehn interdisziplinär denkende junge Forscher ausbilden, um das komplexe Mikroplastik-Thema ganzheitlich und innovativ anzugehen. Unser Team möchte beispielhaft die Quellen und Auswirkungen von Mikroplastik auf die Süßwasserökosysteme rund um drei europäische Stadtgebiete erforschen. Dabei wollen wir auch die sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Aspekte untersuchen – also die Auswirkungen von Mikroplastik auf das Gesundheitswesen bzw. auf die Gesellschaft, auf die Wirtschaft und am Ende auch auf rechtliche Rahmenbedingungen, was LimnoPlast von anderen bisher gestarteten Initiativen unterscheidet.

Der hohe administrative und organisatorische Aufwand, der mit der Beantragung eines EU-Projektes einhergeht, schreckt viele potentielle Antragsteller ab. Wie haben Sie die Antragstellung wahrgenommen und welche Empfehlungen haben Sie an potentielle Antragsteller?

Natürlich stellt die Antragstellung einen hohen Aufwand dar, der am Ende aber auch belohnt wird. Zudem hatte ich professionelle Unterstützung durch den Chemie-Cluster Bayern, deren MitarbeiterInnen mich von der Idee bis zum Antrag jederzeit kompetent und mit enormen Engagement unterstützt haben, auch zu den „normalen“ Arbeitszeiten eines Wissenschaftlers am Abend und an Wochenenden. Vor allem die tatkräftige Unterstützung und Beratung bezüglich der administrativen Aufgaben hat es mir ermöglicht, mich voll und ganz auf die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Aspekts des Antrags zu konzentrieren. Daher kann ich jedem der ein großes Verbundprojekt plant, nur empfehlen das kompetente Team des Chemie-Cluster Bayern zu Rate zu ziehen.

Prof. Dr. Christian Laforsch ist Leiter des Lehrstuhls für Tierökologie I und Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Bayreuth. Als Zoologe und Ökologe befasst er sich mit den Forschungsschwerpunkten Gewässer- und Evolutionsökologie, insbesondere mit der Anpassung von Organismen an sich verändernde Umweltbedingungen. Prof. Dr. Christian Laforsch beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Mikroplastikproblematik und hat sich als einer der ersten Autoren mit dem Auftreten von Mikroplastik in Süßwasserökosystemen befasst. Prof. Dr. Christian Laforsch und seine Gruppe arbeiten an der Spitze der Mikroplastikforschung und halten regelmäßig Vorträge über Mikroplastik, wobei sowohl die breite Öffentlichkeit als auch die Industrie und die Politik adressiert werden.

Das LimnoPlast-Projekt sucht motivierte Promovierende aus den Bereichen Chemie, Ingenieurs- und Umweltwissenschaften, Biologie und Toxikologie sowie Sozial- und Rechtswissenschaften. Weitere Informationen finden Sie unter https://euraxess.ec.europa.eu/jobs/457414 und auf der Projekthomepage http://www.limnoplast-itn.eu/.

 

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Chemie-Cluster Bayern GmbH
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