19. November 2018

Hot seat: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Drei Fragen an eine Person aus unserem Umfeld

Frau Nguyen-Kim, Sie haben im Jahr 2015, in Form eines eigenen YouTube-Kanals, damit begonnen wissenschaftliche Themen einem jungen Publikum zu vermitteln. Mittlerweile trägt der Kanal den Namen “maiLab”, mit über 185.000 Abonnenten. Komplexe Themen einfach und verständlich bestimmten Adressaten näher zu bringen, die kein oder nur geringes Vorwissen besitzen, ist eine große Herausforderung – auch im Business-Alltag, bspw. bei zunehmend interdisziplinär-aufgestellten Teams. Wie gelingt Ihnen das?

Wer gut kommunizieren möchte, muss gut zuhören können. Ich muss meine Adressaten so gut wie möglich kennen, ich muss mich in meinen Gesprächspartner oder in mein Publikum so gut wie möglich hineinversetzen. Dieser Perspektivwechsel ist der Schlüssel, egal ob man YouTube-Videos macht oder ein Projekt vor interdisziplinärem Team präsentiert.

 

Im Jahr 2017 fanden 34% aller Unternehmen keinen geeigneten Auszubildenden für ihre ausgeschriebenen Stellen. Einige dieser Unternehmen erhalten sogar gar keine Bewerbungen. Ihre Zielgruppe sind hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene. Welche Empfehlungen würden Sie den Unternehmen geben und bedarf es in diesem Kontext möglicherweise neuer Formate seitens der Unternehmen?

Das gibt es sicher verschiedene Gründe. Zum Beispiel wird ein Universitätsstudium mehr und mehr als „Standard“ angesehen, leider. Ein anderer Grund könnte der Mangel an authentischen Vorbildern sein. In Zeiten von Social Media könnten Unternehmen ihre PR mit wenig technischem Aufwand selbst in die Hand nehmen. Warum viel Geld für generische Image-Filme ausgeben? Ein paar Azubis eine Vlog-Cam in die Hand zu drücken, finde ich viel spannender. Aber Authentizität wäre die Voraussetzung für Erfolg, und das hieße auch, Freiheit zu gewähren und Kontrolle abzugeben.

 

Neben der Vermittlung von wissenschaftlichen Themen, geht es Ihnen auch insbesondere darum Stereotypen um Wissenschaftler und „Nerds“ umzustoßen. Wieso liegt Ihnen das am Herzen?

Don’t judge a book by its cover – sagt man zwar richtig, aber es wäre doch naiv zu glauben, dass das Cover uns nicht beeinflusst. Wer Wissenschaftler als Menschen seltsam findet, der wird sich auch nicht für Wissenschaft interessieren. Gerade für junge Menschen ist es wichtig, sich mit Vorbildern identifizieren zu können. Aber wer kann sich denn bitte mit Sheldon Cooper identifizieren?

Wir Wissenschaftler sind ja nicht alle Sheldon Cooper. Ich breche Stereotypen nur, indem ich die Realität abbilde. Ich bin Wissenschaftlerin und stehe gerne für eine Generation junger Wissenschaftler, mit der jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer auch auf persönlicher Ebene etwas anfangen können. Ich erreiche zum Beispiel auch besonders viele Mädchen und junge Frauen, nicht weil ich “Mädchen-Content” mache, sondern weil ich als weibliches Gesicht vor der Kamera automatisch auch Mädels anspreche und das freut mich natürlich.

 

Mai Thi Nguyen-Kim ist Wissenschaftsjournalistin, YouTuberin und Dozentin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation. Die Chemikerin studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und dem Massachusetts Institute of Technology. Anschließend promovierte sie an der RWTH Aachen und der Harvard University, wo sie an intelligenten Materialien für medizinische Anwendungen forschte. Inzwischen engagiert sie sich für wissenschaftliche Aufklärung auf allen Kanälen: Im Fernsehen übernimmt sie in der WDR-Sendung Quarks die Nachfolge von Ranga Yogeshwar, auf YouTube produziert sie für funk (das Junge Angebot von ARD und ZDF) den Wissenschaftskanal maiLab. 2018 wurde sie unter anderem mit dem Grimme Online Award und dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet.

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