29. Mai 2019

Hot seat: Dr. Dr. h.c. Christian Patermann

Drei Fragen an eine Person aus unserem Umfeld

Herr Dr. Patermann, aufgrund Ihrer Tätigkeit als ehemaliger Direktor der Generaldirektion Forschung und Technologie der EU Kommission in Brüssel gelten Sie als “Vater der Bioökonomie in Europa” und verfolgen weiterhin die Bestrebungen and Aktivitäten Brüssels und der EU-Mitgliedsstaaten hin zu einer biobasierten Wertschöpfung. Wie sollten sich bayerische Unternehmer idealerweise informiert halten?

Seit der Einführung der sogenannten wissensbasierten Bioökonomie (Knowledge Based Bioeconomy – KBBE) in Brüssel vor 14 Jahren ist die Informationsflut über die Bioökonomie geradezu explodiert: Fast 60 Staaten und eine zweistellige Zahl von Regionen, viele in Europa, haben eigene nationale Strategien, Aktionspläne und road maps mit weitverzweigten Forschungs-Förderprogrammen entwickelt; waren es im 7. Forschungsrahmenprogramm der EU knapp zwei Milliarden Euro, so sind  für das nächste Rahmenprogramm “Europa 2030” ca. 10 Milliarden € Fördermittel ab 2021 angedacht. Regelmäßig wird über entsprechende Projekte, über deren Ergebnisse, über Markteinführungen neuer biobasierter Produkte, Hindernisse und Probleme bei der Zulassung, Vermarktung und Preisgestaltung berichtet. Aber auch über die strategische Rolle eines biobasierten Wirtschaftens im Verhältnis zur Kreislaufwirtschaft, gerade bei der Erreichung der derzeitigen 17 Nachhaltigkeitsziele, im Kontext mit Green Growth etc., wird berichtet. Die Breite des Informationsangebotes reicht von speziellen Portalen, etwa Bio-based News des Nova Instituts in Köln, oder Bioökonomie.de des BMBF (durchgeführt von der Biocom AG). Im englischsprachigen Raum ist einer der größten internationalen Bioökonomie-Blogs Il bioeconomista aus Mailand. Daneben liefern allgemeine Chemieportale, wie CHEManger oder K-Zeitung und spezielle Newsletter von Cluster oder Plattformen, wie CLIB 2020 oder IBB in München, um nur einige wenige zu nennen, gute Information. Das Problem ist eher heute, die richtige Auswahl bzw. Branchenwahl, aus den ohnehin bekannten und abonnierten Fachzeitschriften und sonstigen Quellen zu treffen. Ein anderer Weg, der sich anbietet, ist die Mitgliedschaft in speziellen Biotechnologie- oder Chemie-Clustern, wo es nicht nur Infos, sondern auch Beratung und die betreute Beteiligung an Projekten gibt.

Bayerns Chemiewirtschaft ist bedeutend, aber nicht die Nummer 1 in Deutschland: deshalb sind Allianzen mit anderen Firmen und Partnerschaften insbesondere mit Hochschulen, technischen Universitäten und Fachhochschulen, aber auch den entsprechenden Instituten der so mannigfach aufgestellten deutschen Großforschung (Helmholtz, Fraunhofer, Leibniz und Max-Planck) ebenfalls sehr zu empfehlen. Auch diese bieten ihre eigenen Informationskanäle an. Eine letzte Möglichkeit liegt in der kaum mehr zu überblickenden Zahl von bioökonomierelevanten Konferenzen, Tagungen, Workshops in Deutschland und Europa, deren Besuch man jedoch sehr genau überlegen und planen sollte, da sie besonders für kleine und mittlere Unternehmen finanziell und von der Personalausstattung her sehr aufwendig sein dürften. Hier sollte es vielmehr zu Absprachen gerade kleinerer und mittlerer Firmen untereinander kommen, um den Anschluss zu halten; das ist wichtig, denn die Komplexität der künftigen biobasierten Produktentwicklung wird noch größer werden, da digitale Prozesse und künstliche Intelligenz immer mehr Anwendung finden.

 

Könnten Sie für die weitere Entwicklung der Rolle der Chemie in der biobasierten Wirtschaft ein konkretes aktuelles Beispiel nennen?

Gern, ich möchte Sie konkret auf ein vor 3-4 Wochen beendetes und gerade erst jetzt veröffentlichtes Projekt der EU “A road map for the Chemical Industry in Europe towards the Bioeconomy “, auch Road2Bio abgekürzt, hinweisen. Ich empfehle die Informationen, die kostenlos heruntergeladen werden können.

Dieses Vorhaben – allerdings nur in Englisch – macht sehr konkrete Angaben dazu, welche Produkt- und Marktpotentiale eine Umstellung auf biobasiert Rohstoffe besitzen. Es gibt 9 Produktgruppen in einer ersten Gruppe Plastik-Polymere, Lösungsmittel und Tenside; daneben eine 2. Produktgruppe: Synthesefasern, Klebstoffe, Kosmetik, Beschichtungen und Lacke, Schmierstoffe und Agrochemikalien. Über 500 Chemikalien werden entlang ihrer Wertschöpfungsketten, beginnend mit Rohöl und Naturgas über die C1-C4 Kohlenstoffe und Aromen über die relevanten building blocks eben bis zu den genannten 9 Produktgruppen bewertet. Das geschieht auch unter Nennung der beteiligten Firmen und unter Aufzeigen konkreter Hindernisse, Probleme etc. Als Technologie- und Innovationstreiber für eine nachhaltige Chemie werden angesehen:  biologische Abbaubarkeit, niedrige Ecotoxizität, niedrige Treibhausgas-Emissionen, Rezyklierbarkeit und niedrige Toxizität für den Menschen. Insgesamt werden fünf konkrete regulatorische Maßnahmen und sechs aus dem sozialen Bereich vorgeschlagen. All das geschieht zu dem Zweck, herauszufinden, wie der Anteil der derzeit in der organischen Chemie genutzten 10 % biobasierten Rohstoffe in Europa innerhalb der nächsten 10 Jahre auf 25-30 % gesteigert werden kann. Bemerkenswert aber immer wieder, wie besonders die Lage und das Verständnis in den KMUs in der Chemie beleuchtet und berücksichtigt wird, etwa bei der Frage der Lebenszyklusanalysen von Chemikalien und chemischen Endprodukten, deren Praktizierung für KMU einfach als zu teuer bewertet wird und wo dringend Abhilfe geschaffen werden muß.

Ich empfehle, dass die jeweiligen Verantwortlichen und Zuständigen gerade in mittleren Firmen sich diese Studie etwas genauer anschauen und dann entscheiden, ob und ggfs. welche Thesen praktisch für die eigenen business cases in Frage kommen. Dies kann aber immer nur flankierend zu den eigenen existierenden innerbetrieblichen strategischen Planungen geschehen. Aber es sollte getan werden.

 

Was erwarten Sie von der EU in der nächsten Zeit?

Schwer zu sagen, soeben sind die EU Wahlen zum Parlament beendet worden, weder die genaue Zusammensetzung nach einzelnen Fraktionen noch die Zusammensetzung der neuen Kommission und ihres Führungspersonals ist bekannt. Darüber hinaus werden mit Sicherheit viele bereits beschlossene Aktionen erst einmal weiter gehen. Etwa das beschlossene „Circular Economy Package“ und seine Implementierung oder die revidierte Bioökonomiestrategie vom Oktober vergangenen Jahres. Allerdings glaube ich, dass folgende  Bereiche noch viel stärker als bisher von Brüssel aus die Chemie beeinflussen werden: praktizierte Nachhaltigkeit, die Rolle der Kunststoffe und nicht nur Plastikabfälle im Meer, Ressourceneffizienz allgemein, die Kreislaufwirtschaft – hier ist im Übrigen von deutscher Seite viel zu wenig auf die bisherigen Erfahrungen des deutschen  Kreislaufwirtschaftsgesetzes der 90 Jahre – bisher einmalig – hingewiesen worden. Auch glaube ich, das, um die Rohstoffsicherung für sogenannte critical raw materials (CRMs) zu gewährleisten, die Konkurrenz zu asiatischen und nordamerikanischen Wettbewerbern und die biobasierte Schließung von Kreisläufen eine wichtige Rolle spielen werden. Dabei geht es um Lithium, Platin, seltene Erden, ohne die autonomes Fahren, e-Mobilität etc. nicht möglich sein werden. Dies hängt aber auch davon ab, wie die Chemie selbst sich in Europa präsentiert und diese offenen Fragen für die Wirtschaft und Gesellschaft in Europa überzeugend beantwortet.

Der in Schlesien geborene, ehemalige Direktor der EU-Kommission, Dr. Dr. h.c. Christian Patermann, studierte Jura, Wirtschaft und Sprachen in Deutschland, Spanien und der Schweiz. Er arbeitete unter anderem für das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Auswärtige Amt sowie als Leiter des Leitungsstabes und Pressesprecher des deutschen Bundesministers Prof. Riesenhuber. Obwohl Patermann seit 2007 im Ruhestand ist, bekleidet er viele Ehrenämter und ist als Berater aktiv, wie z.B. im Bioökonomierat der Bundesregierung oder beim Chemie-Cluster Bayern. 2011 wurde ihm von der Universität Bonn die Ehrendoktorwürde verliehen.

 

Foto: Michael Deutsch (im Kontext der 6. International Bioeconomy Conference)

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