21. Oktober 2018

Hot seat: Dr. Christina Jungfer

Drei Fragen an eine Person aus unserem Umfeld

Frau Dr. Jungfer, kaum jemand spricht in Deutschland bislang über das Thema „Industrielle Symbiose“. Welche Bedeutung hat dieses Thema Ihrer Ansicht für die chemische Industrie?

Der Begriff Industrielle Symbiose wird in Deutschland bisher wenig verwendet, aber durchaus schon praktiziert. Industrielle Symbiose bedeutet, dass ein Unternehmen die Nebenprodukte, Abfälle oder auch Infrastruktur, Informationen usw. eines anderen nutzt und daraus Nutzen für sich und alle Beteiligten generiert. Der Nutzen kann wirtschaftlicher Art sein, jedoch können auch Umweltauswirkungen verringert und die betriebliche Effizienz in einem bestimmten Gebiet gesteigert werden.

Gerade innerhalb der Chemiebranche wird das Konzept der industriellen Symbiose an Produktionsstandorten schon lange umgesetzt. Chemieparks können als prototypisches Beispiel dafür gesehen werden. Dort sind symbiotische Verknüpfungen, wie z.B. Versorgungsleitungen, Energienetze oder Logistik, schon sehr weit etabliert. Für eine Effizienzsteigerung im dicht besiedelten Deutschland bietet die Industrielle Symbiose ein großes Potential, beispielsweise an den Grenzen eines Chemieparks. Vor allem für bereits bestehende Industrieansiedlungen kann ein symbiotischer Austausch von Nutzen sein, auch zwischen verschiedenen Branchen, wie z.B. die Verwendung von Stahlindustrie-Abgasen zur Herstellung von wertschöpfenden Chemikalien in der chemischen Industrie, oder auch zwischen verschiedenen Sektoren, wie z.B. die Wiederverwendung von behandeltem kommunalem Abwasser in der Industrie.

 

Was sind die Herausforderungen, wenn es darum geht, mehr symbiotische Partnerschaften zwischen Industrieunternehmen aufzubauen?

Die Anforderungen für die Industrielle Symbiose gehen über die Erfassung und Koordination von Materialflüssen hinaus. Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen häufig Barrieren überwunden werden. Beispiele sind unter anderem Lücken in der Kommunikation zwischen Unternehmen, fehlende Informationen zu Nebenprodukten anderer Unternehmen, der Wettbewerb unter ähnlichen Branchen oder die Abhängigkeit, in die man sich ggfs. begibt.

Ein Nebenprodukt ist nicht „das Business“ des Unternehmens – der Verkauf von z.B. Wärme steht nicht im Fokus des Unternehmens, der Markt ist unbekannt. Um solche Barrieren zu überwinden, ist häufig ein Umdenken gefragt. Informationsaustausch, Kommunikation, Wissenstransfer und Aufbau von Vertrauen sind hier wichtige Aspekte.

Eine weitere Hürde bei der Umsetzung der Industriellen Symbiose sind immer wieder rechtliche Rahmenbedingungen. Wer hat z.B. die Verantwortung für die Instandhaltung einer für den symbiotischen Austausch neu gebauten Pipeline? Wer erhält bei Einsparung und Weitergabe von CO2 ein Zertifikat? Gilt ein Nebenstrom bei Weitergabe an den Nachbarn rechtlich als Abfall oder Ressource?

 

Welche Aktivitäten plant die DECHEMA dazu?

Die Stärken der DECHEMA sind Interdisziplinarität, Verknüpfung von Wissenschaft und Industrie und der Kontakt zwischen Menschen – wichtige Aspekte auch für die Industrielle Symbiose. Diese ist bei DECHEMA-Veranstaltungen immer wieder Thema, wie z.B. 2018 auf der ProcessNet-Jahrestagung und der DECHEMA-Jahrestagung der Biotechnologen oder der Industrial Water. Auch ist die DECHEMA an Projekten beteiligt, die industrielle Symbiose adressieren. Zum Beispiel wurden im Projekt E4Water Lösungskonzepte für ein integriertes industrielles Wassermanagement in der chemischen Industrie unter anderem mittels Industrieller Symbiose erarbeitet. Neue flexible Technologie zur Herstellung von wertschöpfenden Chemikalien aus Industrieabgasen werden im Projekt Carbon4Pur zur Verwendung für die Chemiebranche entwickelt und demonstriert. Im Projekt Sharebox, an dem ja auch der Chemie-Cluster Bayern beteiligt ist, entsteht eine sichere Plattform für das flexible Management von gemeinsamen Prozessressourcen mit intelligenten Tools zur Entscheidungsunterstützung. Die DECHEMA ist übrigens auch an neuen Projekten und Kooperationen zum Thema Industrielle Symbiose interessiert und wird dies weiterhin in Veranstaltungen adressieren.

 

Frau Dr.-Ing. Christina Jungfer hat Biologie an der Universität Karlsruhe studiert und im Bereich der Technischen Biologie promoviert. Schwerpunkt dabei war der Einfluss der UV-Desinfektion auf molekulare Reparaturmechanismen bei Bakterien im Trinkwasser. Am KIT vertiefte sie weiterhin ihre Arbeiten an Biofilmen in technischen Systemen in der Wasserversorgung. Seit 2012 ist sie als Projektmanagerin bei der DECHEMA im Bereich Wassermanagement tätig und an vielen EU und national geförderten Projekten beteiligt (u.a. E4Water, R3Water, INSPIREWATER, WavE). Dabei beschäftigt sie sich vor allem mit dem integrierten Wassermanagement im industriellen und auch kommunalen Bereich sowie mit der Industriellen Symbiose.

Kontakt

Chemie-Cluster Bayern GmbH
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