13. Dezember 2019

Hot seat: Prof. Dr. Sieber

Vier Fragen an eine Person aus unserem Umfeld

Herr Prof. Dr. Sieber, seit letztem Herbst kann man in Straubing nun auch Bioökonomie als Bachelorstudiengang studieren. Der TUM Campus Straubing ist damit Vorreiter in Deutschland. Welche Kompetenzen erwerben die Studierenden hier und für welche späteren beruflichen Aufgaben qualifizieren Sie sich?

Die Bioökonomie ist ein sehr breites Fachgebiet mit vielen Facetten. Der Bachelor Bioökonomie an der TUM ist ein volkswirtschaftlich ausgeprägter Studiengang kombiniert mit der Vermittlung technischer Fächer. Somit passt er gut in das Portfolio des TUM CS mit seinen technischen Studiengängen, wie z.B. der chemischen Biotechnologie.  Auch dieser ist ein Studiengang, der der Bioökonomie zugerechnet werden kann. Der Studiengang „Nachwachsende Rohstoffe“ wird in den fachspezifischeren Studiengang „Technologie Biogener Rohstoffe“ überführt, der verfahrenstechnisch ausgerichtet ist. Zuletzt bauen wir gerade auch einen materialwissenschaftlichen Studiengang auf. Die technisch orientierten Studiengänge werden durch Module der Ökonomie ergänzt. Das Fach Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Nachwachsende Rohstoffe bieten wir in Kooperation mit dem Standort München an. Unsere Studiengänge sind bewusst interdisziplinär angelegt – im Studiengang Chemische Biotechnologie wird zum Beispiel je zu einem Drittel Chemie, Biologie und Verfahrenstechnik vermittelt nach dem Motto: „Von der Biologie lernen, wie ein Chemiker denken und wie ein Ingenieur handeln.“

Bisherige Absolventen gibt es aus dem Studiengang „Nachwachsende Rohstoffe“. Sie sind generalistisch ausgebildet und arbeiten dementsprechend in diversen Berufen. Einige sind in der Industrie, regional und überregional tätig, andere in Behörden und Unternehmensberatungen. Die neuen Studiengänge sind nun fachspezifischer ausgerichtet und befähigen die Studierenden Aufgaben in unterschiedlichsten Unternehmen und Einrichtungen zu übernehmen, die ihre Prozesse und Produkte nachhaltiger gestalten wollen.

Wie geht es mit dem Ausbau des TUM Campus Straubing weiter?

Bis 2023 werden wir insgesamt über 10 Studiengänge aufgebaut haben. Mehr als die Hälfte sind dabei schon umgesetzt. Dieser Aufbau geht mit der Besetzung von Professuren und dem Ausbau der Räumlichkeiten einher. Momentan haben wir 18 Professuren, diese werden nach derzeitiger Planung auf mindestens 34 anwachsen. Im kommenden Sommer wird das Forschungs- und Lehrgebäude „Nachhaltige Chemie“ eröffnet und wir werden in ein paar Jahren das Kloster beziehen. [Anmerkung der Redaktion: Der Freistaat hat das geschlossene Karmelitenkloster gekauft und stellt es dem Campus der Technischen Universität München zur Verfügung.] Der Standort Straubing verkörpert somit auch in seiner Entwicklung Nachhaltigkeit. Er wird nicht auf die grüne Wiese gesetzt, sondern schützt Flächen vor Versiegelung, indem in die Straubinger Innenstadt integriert ist wo sukzessive ein großer Campus errichtet wird.

Zusammen mit dem Fraunhofer BioCat bekommt der Campus Straubing bundesweit Sichtbarkeit, wenn es um Kompetenz in synthetischen Kraftstoffen geht. Herr Sieber, warum dauert es so lange, bis sich alternative Kraftstoffe und Antriebe durchsetzen?

Bei den Kraftstoffen liegt es zu einem großen Teil an den politischen Rahmenbedingungen. Ein Problem ist, dass das löbliche „Zero-Emission“-Ziel dafür gilt, dass das Fahrzeug selbst keine Emissionen ausstößt. Das können nur Elektrofahrzeuge erreichen. Wenn wir jedoch das CO2 aus der Umwelt ziehen – Carbon Capture – und dieses unter Nutzung erneuerbarer Energie in Treibstoff umwandeln und als solchen wieder verbrennen, dann handeln wir CO2-neutral und das Null-Emissionen-Ziel ist erreicht. Das wird aber nicht in der Gesetzeslage berücksichtigt. Dies ist ein Irrweg, der korrigiert werden muss und sicher auch korrigiert werden wird.

Die bioökonomischen Lösungen, die am TUM Campus Straubing entwickelt werden, sollen es auch auf den Markt schaffen. Welche Rolle können dabei auch mittelständische und kleine Unternehmen spielen? Was kann die Politik bzw. was können Cluster tun?

Wir entwickeln neue Technologien und neue Produkte im Bereich der Bioökonomie, teilweise direkt mit der Industrie zusammen, zum Teil aber auch eigenständig. Gerade bei letzterem kommt den Clustern natürlich eine besondere Rolle zu, bei der Vernetzung mit der Industrie mitzuwirken. Wir haben auch schon mehrere Ausgründungen, die als kleine Unternehmen nun die Bioökonomie voranbringen möchten. Kleine Unternehmen sind generell sehr wichtig. Sie sind einerseits flexibler und innovativer, andererseits zudem auch weniger von großen Rohstoffströmen abhängig. Für ein Großunternehmen muss die Verfügbarkeit von Rohstoffen in großer Menge und in einer bestimmten Qualität über die Jahre hinweg gesichert sein. Das macht den Rohstoffwandel zu einer zusätzlichen Herausforderung und hier muss Vertrauen aufgebaut werden, dass das tatsächlich machbar ist.  Am erfolgreichsten ist man natürlich, wenn man biobasiert neue Produkte herstellen kann, die besondere Eigenschaften besitzen, die besser als die der fossil basierten Produkte sind.

Auch der Politik kommt eine große Rolle zu, denn die Rahmenbedingungen müssen passen. Wenn die energetische Nutzung von Biomasse gefördert wird, die stoffliche dagegen nicht, wird eher Biogas aus Biomasse erzeugt werden. Anderer ist es so, dass ein Wechsel der Rohstoffbasis auch einen Technologiewechsel und damit eine Änderung der Produktionsanlagen erfordert. Dabei hat das Neue es schwer, sich gegen das Alte zu behaupten, es sei denn, dass die Produktion in den bestehenden Anlagen teurer ist, was in der Realität selten der Fall ist. Hier müsste die Nicht-Nachhaltigkeit eines Produktes bzw. Prozesses eingepreist werden zum Beispiel über die Kosten der CO2 Erzeugung oder andersherum den Nutzen der CO2-Vermeidung.

Prof. Dr. Sieber ist Rektor des TUM Campus Straubing und Leiter des Lehrstuhls Chemie Biogener Rohstoffe. Außerdem leitet er einen von ihm aufgebauten Institutsteil des Fraunhofer IGB in Straubing. Nach einem Chemiestudium an der Universität Bayreuth und der University of Delaware und einer Promotion arbeitete Herr Sieber als Forschungsstipendiat am California Institute of Technology. Von 2001 bis 2008 hatte er verschiedene Positionen in der chemischen Industrie inne, bevor er 2008 zur TU München kam.

Kontakt

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